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Sea Watch Ende der Verzweiflung in Sicht

1. UpdateDie Seenotrettungsschiffe „Sea Watch 3“ und „Professor Albrecht Penck“ mit 49 Geflüchteten an Bord dürfen nach Wochen auf dem Meer auf Malta anlegen. Damit ist ein Ende der verzweifelten Lage in Sicht, die Seenotretterin Stephanie Schüssele im FR-Interview beschreibt.

Rettungsschiff
Zu wenig Platz, Wasser, Hoffnung: Auf dem Rettungsschiff harren 32 Geflüchtete aus. Foto: Grodotzki/Sea-Watch

18 Tage warteten die Crews und insgesamt 49 Geflüchtete auf den Seenotrettungsschiffen  „Sea Watch 3“ und „Professor Albrecht Penck“ der Organisation Sea-Eye vor der libyschen Küste darauf, im Hafen eines EU-Landes einlaufen zu dürfen. Am Mittwoch kommt die erlösende Nachricht: Malta erlaubt das Anlegen, die Geretteten sollen anschließend auf acht EU-Mitgliedsstaaten verteilt werden. 

Bis zum Crew-Wechsel am Freitag war Stephanie Schüssele mit an Bord der „Sea Watch 3“, die 32 Menschen aufgenommen hat. Unser Interview mit ihr führten wir, bevor Malta die Erlaubnis zum Einlaufen gab.

Frau Schüssele, wie ist die Situation auf dem Schiff?
Am Anfang waren alle guten Mutes. Wir haben gemeinsam gekocht, Weihnachten gefeiert und versucht, uns zu die Zeit mit Filmen und Tanzworkshops zu vertreiben. Aber mit jedem weiteren Tag wurde die Lage immer angespannter. Die meisten haben viel mitgemacht und Schlimmes erlebt, deswegen sind sie psychisch nicht so belastbar. Aber die Belastung für die Menschen an Bord ist wahnsinnig hoch, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht. Dazu kommt, dass einige verunsichert sind, was uns angeht.

Inwiefern?
Die Menschen haben schnell Vertrauen in uns als Crew gefasst. Aber trotzdem bleibt nach all dem Erlebten sicher eine gewisse Skepsis und die Frage, ob wir sie nicht doch wieder zurück nach Libyen bringen. Dazu kommen immer wieder kleinere Streitigkeiten, denn die meisten sind zwischen 16 und 20 Jahre alt und haben natürlich auch die ganz normalen jugendlichen Probleme. Insgesamt ist die Verzweiflung riesig. Es hat immer wieder Situationen gegeben, bei denen wir Angst hatten, dass sie eskalieren.

Was waren das für Situationen?
Am vergangenen Freitag ist ein Mann über Bord gesprungen. Wir konnten ihn aber retten und wieder aufs Schiff holen. Er wollte zur maltesischen Küste schwimmen. Die ist so nah, dass man sie vom Schiff aus gut sehen kann. Dazu kommt, dass die Menschen Tag für Tag von uns hören, dass wir nicht aufgeben und bald einen sicheren Hafen finden. Er war wohl so verzweifelt, dass er nicht mehr wusste, was er noch tun sollte. Alle hatten wahnsinnig viel Redebedarf und wir haben versucht, die Leute zu beruhigen. Sie verstehen natürlich auch nicht, warum sie zwar auf ein Boot gerettet werden, aber dann dort festsitzen und nicht an Land fahren können.

Wie sieht es mit der Gesundheit der Menschen und den hygienischen Verhältnissen an Bord aus?
Die Menschen sind seekrank, viele müssen sich übergeben. Das Schiff ist nicht groß und die Leute müssen wegen des schlechten Wetters drinnen untergebracht werden. Alle sitzen eng beieinander und da können sich Krankheiten sehr schnell verbreiten. Wir haben versucht, den Leuten wenigstens zu ermöglichen, dass sie duschen und ihre Kleider waschen können. Das mussten wir dann aber reduzieren, denn die Wasservorräte an Bord werden langsam knapp. Beim Wechsel der Crew am Freitag hätten die Vorräte aufgefüllt werden sollen, aber das hat aus technischen Gründen nicht geklappt.

Gibt es noch genügend Essensvorräte an Bord?
Essensvorräte an sich hatten wir genug, allerdings waren das viele ähnliche Gerichte. Wir hatten damit gerechnet, 400 oder 500 Leute für drei oder vier Tage aufzunehmen und nicht 32 Menschen für mehrere Wochen. Deswegen mussten die Menschen dann zwei Mal am Tag Reis und Bohnen essen, wodurch ihnen wichtige Nährstoffe und Vitamine fehlen. Wir haben versucht, das Essen mit unseren Crew-Vorräten anzureichern, aber das ging irgendwann auch nicht mehr.

Wie lange halten die Menschen an Bord noch durch?
Schon vor einer Woche hätte ich gesagt: keinen Tag länger. Es ist unbedingt notwendig, dass die Menschen von Bord kommen. Wir haben schon seit über einer Woche das Gefühl, dass es reicht. Die Situation ist menschlich nicht mehr vertretbar. Dass die Lage an Bord bisher nicht völlig eskaliert ist, liegt nur daran, dass die Crew rund um die Uhr ihr Bestes gibt, um die Situation irgendwie in den Griff zu bekommen.

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