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Flüchtlinge „Du musst kämpfen, die ganze Zeit“

Azeb A. hat auf ihrer jahrelangen Odyssee fast alles überstanden, was Flüchtlingen widerfahren kann. Jetzt ist sie schwer krank, und ob sie Europa überlebt, ist ungewiss.

„Kumulative Traumatisierung“ stellt die Frankfurter Psychiaterin Barbara Wolff im Mai bei Azeb fest (Symbolbild). Foto: REUTERS

Azeb A. kennt das alles. Stundenlang im Meer treiben, in Todesangst, ringsum schwimmen Leichen, die ganze Zeit. Nicht wissen, ob jemand kommt und sie retten wird. Sie hat das selbst erlebt, nicht vor Lampedusa, sondern vor der griechischen Küste, vor acht Jahren, als ihr Flüchtlingsboot unterging. Die Bilder lassen sie nicht mehr los. Die Toten im Wasser kommen immer nachts, jede Nacht umzingeln sie sie. Manchmal auch tagsüber.

Die Eritreerin hat die Katastrophe in der Ägäis überlebt, sie hat noch viel mehr überlebt in den zehn Jahren ihrer Flucht. Aber ob sie Europa überlebt, auf das sie all ihre Hoffnungen gesetzt hat, das ist ungewiss. Schwer krank gemacht hat die Flucht sie auf jeden Fall. Durch die „kumulative Traumatisierung“, stellt die Frankfurter Psychiaterin Barbara Wolff im Mai in einer gutachterlichen Stellungnahme fest, leide die 33-Jährige an einer „chronischen komplexen posttraumatischen Belastungsstörung“ mit Depressionen, Verzweiflung und „Entsetzen über sich selbst“. Und: „Mehrfach äußert sie, dass sie eigentlich nicht mehr leben wolle.“

Jetzt sitzt Azeb A. mit ihrem Mann Malik, 28, Flüchtling seit 23 Jahren, in einem hellen, freundlichen Raum. Es ist das Beratungsbüro von Amnesty International in Frankfurt am Main, an der Wand ein Poster mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Dicht beschrieben, ein Dokument voller Verheißungen, auf deren Erfüllung Azeb und Malik bisher vergeblich warten. Die Oktobersonne scheint hinein, und wer die beiden so sieht, die scheue, älter wirkende Frau, den so beherrschten jungen Mann, der ahnt nicht, was sie erlebt haben.

In Rumänien wäre sie fast gestorben

Hätten die Eritreerin und der Somalier sich nicht getroffen auf ihrer Odyssee, hätten die beiden nicht vor sechs Jahren, da waren sie gerade in Griechenland gestrandet, eine Tochter bekommen – wer weiß ob sie durchgehalten hätten. Nichts wünschen sie sich mehr als hier zur Ruhe zu kommen. Doch die Chancen stehen schlecht. Die Familie hat zwar Asyl bekommen, aber in Rumänien. Und deshalb sollen sie dorthin zurück, geht es nach dem Willen der deutschen Behörden.

Für Azeb A. wäre das vielleicht der Tod. Denn in Rumänien hat sie 2012 eines ihrer grausamsten Erlebnisse: Mit starken Unterleibsschmerzen wird sie aus dem Flüchtlingslager in eine Klinik gebracht, wo man eine Fehlgeburt feststellt. Sie wird auf einen Untersuchungsstuhl gelegt, vier Frauen halten sie fest, dann führt eine Ärztin die Ausschabung durch, ohne Narkose, ohne Schmerzmittel. Sie schreit vor Schmerzen, wird noch beschimpft, weil sie beschnitten ist. Sie sei gar keine richtige Frau, höhnt man.

Das war ein solcher Schock für Azeb A., dass Psychiaterin Wolff jetzt eindringlich vor einer Rückführung oder der bloßen Androhnung warnt: „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ müsse dann mit Suizidversuchen durch Azeb A. gerechnet werden. schreibt sie. Deborah Jungbluth, Psychologin beim Evangelischen Zentrum für Beratung und Therapie, betreut die Familie seit wenigen Monaten. „Am Anfang“, erinnert sie sich, „hat Frau A. nur geweint. Bei jeder Gelegenheit ist sie in Tränen ausgebrochen.“ Zutiefst entsetzt sei sie vor allem gewesen über die Erlebnisse in Rumänien: „Sie hätte nie gedacht, dass ihr in Europa so etwas passieren kann“.

Was war vorher, vor Rumänien, vor der traumatischen Bootsfahrt? 2003 in Eritrea fängt Azeb A.‘s Leidensgeschichte an. Weil sie den brutalen Armeedienst scheut, den die Diktatur dem Volk aufzwingt, versteckt sie sich, bis man sie aufgreift und ins Gefängnis steckt. Wochen in Einzelhaft, in fast völliger Dunkelheit folgen, wie sie später berichtet. Nachts kommen immer wieder Männer in die Zelle und vergewaltigen sie. Dann der Militärdienst, schließlich die Flucht zu Fuß über die sudanesische Grenze. Acht Monate hält sie sich in Khartoum versteckt, heiratet zum Schein einen Sudanesen, damit sie mit ihm nach Syrien kann. Neun Monate ist sie in Damaskus, Fluchthelfer bringen sie schließlich in einer Woche Fußmarsch nach Antakya in die Türkei. An der Grenze sei auf sie geschossen worden, berichtet sie.

Azebs Liebe

In Antakya trifft die junge Frau etwa 2005 auf Malik A., ihren heutigen Ehemann. Er hat seine Heimat Somalia schon 15 Jahre zuvor als Fünfjähriger verlassen müssen, mit Vater und Schwester, nachdem der Bruder im Bürgerkrieg erschossen worden war. Zehn Jahre lebt seine Familie in Mombasa, dann stirbt der Vater, die Übergriffe durch einheimische Kenianer nehmen zu. Malik kommt ins UNHCR-Flüchtlingslager Dadaab im Norden Kenias, in dem 400 000 Somalier untergebracht sind. Dort werden Jugendliche von den militanten somalischen Gruppen im Camp zwangsrekrutiert, mit Drohungen und Erpressung. Auch Malik, 16 Jahre, lässt sich rekrutieren, „weil sie mich sonst getötet hätten“. Der Fischersohn lernt schießen, aber kämpfen will er nicht. Er schafft es, mit einem Flüchtlingsboot nach Jemen überzusetzen.

Zwei Jahre lebt er dort auf der Straße, verdient ein bisschen Geld mit Jobs. Schließlich gelangt er, versteckt in einem Tiertransporter mit Schafen und Kühen, nach Damaskus. Weiter in den Libanon, wo er aufgegrffen und zurückgeschickt wird. Schließlich, mit Hilfe eines bezahlten Schleppers, in die Türkei.

Ab hier gehen Malik und Azeb A. ihren Weg gemeinsam. Leichter wird er dadurch nicht. Die beiden spüren mit voller Wucht das Instrumentarium der Flüchtlingsabwehr, das die EU entwickelt hat. Auf der Flucht über die Ägäis, als die Küstenwache ihr Boot zurückgestoßen habe, in den Jahren der Obdachlosigkeit in Griechenland ohne Chance auf ein Asylverfahren, bei der Weiterflucht zu Fuß durch Mazedonien und Serbien bis nach Rumänien und dann Deutschland.

Es gibt heute kaum eine Frage nach ihrer Flucht durch Europa, die Azeb A. nicht Tränen in die Augen treibt. Sie sitzt da, mit leerem, suchendem Blick, klammert sich mit beiden Händen fest an die Kaffeetasse mit dem Amnesty-Logo und wählt eigene Worte: „Alles war am schrecklichsten“, sagt sie auf Englisch, „alles.“ Die Zeit in Thessaloniki fällt ihr ein. Die Tochter, nennen wir sie Adiam, war noch klein. Sie hatten einen Schlafplatz zusammen mit anderen ergattert, kein eigenes Zimmer, aber immerhin. Sie und ihr Mann hätten Essen organisieren müssen, Adiam ließen sie bei den Mitbewohnern. „Aber als ich zurückkam, waren sie weg“, schluchzt sie, das Kind war allein. Sie fand es schreiend, mit schweren Verbrühungen an Arm, Hand und Bein. Sie hatte es nicht schützen können.

Die Hand des Mädchens, zum Glück, ist nach dem Unfall nicht verkrüppelt geblieben, Malik A. hat sie selbst geschient. Seine Frau hatte damals schon Albträume, das Betteln, die wachsenden Aggressionen durch die griechische Bevölkerung setzten ihr schwer zu. Weil sie keine Zukunft für ihre Tochter gesehen hätten, seien sie weitergeflohen, durch die Berge, den „Jungle“, wie sie sagt, nach Mazedonien: „Es war kalt, wir hatten Hunger, die Kleine war krank und hat geweint. Teils sind wir auf allen vieren gekrochen. Du musst immer kämpfen, die ganze Zeit.“

Ihr Mann erzählt weiter: In Serbien seien sie verhaftet und an die Grenze gebracht worden. „Sie haben gesagt, geht 30 Minuten, dann seid ihr in der EU. In Rumänien hieß es, ihr könnt Asyl beantragen oder kommt in Haft.“

Das rumänische Asyl könnte ihnen nun zum Verhängnis werden. Denn es gibt zwar Freizügigkeit in der EU, aber nicht für anerkannte Flüchtlinge. Die massive Erkrankung von Azeb A. scheint bei den Abwägungen der Frankfurter Ausländerbehörde keine Rolle zu spielen, auch ihre traumatischen Erlebnisse in Rumänien nicht.

Warten auf das Bundesamt

Rechtsanwalt Peter von Auer, der die Familie vertritt: „Die Behörde geht derzeit davon aus, dass Frau A. auch in Rumänien behandelt werden kann.“ Noch haben die A.’s eine Duldung, aber nur, weil das Frankfurter Amt auf Druck des Anwalts noch auf eine Stellungnahme des Bundesamtes für Migration und Flucht zum Fall wartet. Die, fürchtet von Auer, „wird wohl auch nicht anders ausfallen.“ Was ist mit der gutachterlich bescheinigten hohen Suizidgefahr? Hans Seidel, Chef der Ausländerbehörde: „Das Bundesamt bewertet das.“ Seine Behörde habe keinen Ermessensspielraum.

Aber eine Meinung hat sie offenbar durchaus. So berichten Betreuer der Familie übereinstimmend, ein Sachbearbeiter habe die Schilderungen Azeb A.’s zu Rumänien als falsch bezeichnet: Das könne so nicht stimmen, er sei schon mal dort gewesen. Die Versuche der evangelischen Kirche, eine passable Unterkunft für die Familie zu finden, habe er mit dem Satz kommentiert: „Ach so, jetzt sucht man schon eine Wohnung für die.“

Der Rechtsanwalt und Aktivisten der Frankfurter Amnesty-Gruppe versuchen nun fieberhaft, Aussagen zur medizinischen Versorgungslage in Rumänien zu bekommen. Denn sie müssen erst beweisen, dass die schwerkranke Eritreerin im Armenhaus Europas nicht behandelt werden kann, obwohl Rumänien für seine Korruption und rückständige Infrastruktur bekannt ist. Aber, so von Auer, „das Land ist da ein schwarzes Loch. Es gibt kaum Offizielles.“

In dürren Worten stellt immerhin das US-Außenministerium in seinem Menschenrechtsbericht 2012 fest, dass medizinische Hilfe für Traumatisierte und Folteropfer in Rumänien ineffizient ist. 2010 hat der UNHCR bemängelt, dass Flüchtlinge in Rumänien nur 85 Cent am Tag hätten, was für ein menschenwürdiges Leben nicht ausreiche. Eine Bukarester Ärztin sagte der FR, dass staatliche Krankenhäuser zwar kostenlos medikamentöse Therapie anbieten. Psychotherapie aber muss bezahlt werden, ein Trauma-Zentrum gibt es in ganz Rumänien nicht. Der Jurist von Auer aber weiß: „Auch nach Italien und Ungarn werden Flüchtlinge zurückgeschickt, obwohl gesichertes Wissen über die mangelhafte medizinische Versorgung vorliegt.“

Azeb A. jedenfalls, das steht für Gutachterin Wolff fest, „braucht eine langfristige spezielle Psychotherapie, begleitet von sicheren Lebensumständen, in denen sie sich nicht bedroht fühlt und zur Ruhe kommen kann.“

Beim Evangelischen Zentrum hat sie eine Maltherapie begonnen, durch Spenden wurde ihr eine Brille finanziert, damit sie an einem städtischen Deutschkurs teilnehmen kann. Ein kleines Stück Normalität ist das für sie, und erstmals an dieser Stelle des Gesprächs kann sie lächeln. Vor allem seit August, seit Tochter Adiam in die Grundschule gehen kann, hat sich die schwierige familiäre Situation etwas entspannt. Das Mädchen, das selbst nichts anderes kennt als Flucht und Unsicherheit, sei weniger aggressiv, sagen die Eltern. Obwohl sie noch kein Deutsch spricht, „ist sie total glücklich und hat schon Freunde gefunden“. Seit Montag hat die Familie auch ein paar Räume für sich, bereitgestellt von einer evangelischen Kirchengemeinde. Bis dahin mussten sie monatelang bei einem Landsmann mitwohnen.

Das alles tue Azeb A. gut, schaffe Entspannung an der Oberfläche, hat Betreuerin Jungbluth beobachtet. „Aber was darunter liegt, diese Erschöpfung durch den jahrelangen Überlebenskampf, bricht immer wieder hervor.“ Gefragt nach ihren Hoffnungen, kann Azeb A. nichts antworten. Ihr Mann Malik spricht für sie, es sprudelt aus ihm heraus: „Wir hoffen, zu bleiben. Arbeiten zu dürfen, unserer Tochter Bildung zu geben. Welche Zukunft hätte sie in Griechenland oder Rumänien? Drogen, Prostituion. Das wollen wir nicht.“ Die Duldung der Familie A. läuft Mitte November aus. mit map

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