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Satire „Seebrücke des Bundes“ Die Seebrücke nach Deutschland

Was sich als Seehofers Masterplan präsentiert, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Mix aus Satire und Zivilcourage.

Satire kann vieles. Dazu gehört auch die Vermittlung einer möglichen politischen Alternative. Daher war das Staunen groß über die Meldung am Freitagnachmittag: „Deutschland nimmt bis Ende 2019 freiwillig alle Menschen auf, die im Mittelmeer aus Seenot gerettet werden.“

Der Satz gleicht einer überraschenden Wendung im erbitterten Streit darum, wer sich bei der in den letzten Monaten alles bestimmenden Migrationsfrage durchsetzen wird. Denn die Initiative „Seebrücke des Bundes“, wie auf der gleichnamigen Internetseite zu lesen war, soll ausgerechnet vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat unter Horst Seehofer ins Leben gerufen worden sein.

Der von ihm seit Wochen aufgerufene „Masterplan Asyl“ bekam nun endlich ein Gesicht. Über Aufnahmezentren des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen UNHCR, die in den nordafrikanischen Transitländern und in denen des Nahen Osten eingerichtet werden, sollen Schutzsuchende „so schnell wie möglich nach Deutschland gebracht“ werden, heißt es.

Ein Spaß aus ernstem Anlass

Explizit werden helfende Menschen in Deutschland adressiert, falls sie Wohnraum für die Neuankömmlinge bereitstellen wollen. Die Initiative bricht kurzerhand mit dem vielerorts beschworenen Bild der sogenannten Flüchtlingskrise und unterbreitet praktische Handlungsvorschläge.

Der Name verweist auf die US-amerikanische Luftbrücke mit ihren Rosinenbombern, die die Berliner Nachkriegsbevölkerung mit Essens- und Heizkohlepaketen versorgte. Der Beginn dieser Nothilfe jährte sich in diesen Tagen zum 70. Mal. Verbreitung findet die Kampagne über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter. Den Anstoß lieferte dafür das Peng!-Kollektiv, das für einen subversiven Satireansatz bekannt ist.

Hinter der eigentlichen Idee versteckt sich jedoch der Berliner Verein „Mensch Mensch Mensch“, der es mit seiner Initiative „Seebrücke – schafft sichere Häfen“ sehr wohl ernst meint. Der Satireauftritt diente lediglich der Werbung, so Mareike Geiling vom Verein gegenüber der FR. Ausgehend von einer Telegram-Chatgruppe wurde innerhalb von 30 Stunden die Kampagne gezimmert.

Sammeln für die NGO

„Es besteht ein Ohnmachtsgefühl, weil man sich fragt, was man tun kann“, berichtet sie mit Blick auf eine restriktive Migrationspolitik auf deutscher und europäischer Ebene. Auf die Frage, ob die im Internetauftritt formulierten Lösungsvorschläge überhaupt umsetzbar wären, reagiert Geiling gekonnt und dreht die Frage schlichtweg um: „Interessant ist doch was gerade passiert, obwohl es vorher unvorstellbar war. Wie die Lager für die Geflüchteten. Wir wissen, dass Seehofer so etwas nie sagen würde. Von der Politik werden gerade nur Dystopien aufgezeigt. Es braucht daher eine Erzählung des Utopischen. Das macht Satire.“

Aktionen der Unterstützung und Hilfe häuften sich in den letzten Tagen. Nachdem vergangene Woche der Besatzung des Rettungsschiffes Lifeline im Mittelmeer juristische Konsequenzen angedroht wurden, weil sie 230 Geflüchtete vor dem Ertrinken rettete, startete der Fernsehmoderator Jan Böhmermann kurzerhand einen Spendenaufruf. Mit dem pointierten Satz „Wer Rechtsstaat will, kann Rechtsstaat haben“ sind seit Freitag bereits rund 100.000 Euro für Anwaltskosten zustande gekommen.

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