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Pro Asyl „Ich verteidige deine Rechte“

Ramin Mohabat, 28, flüchtete im August 2015 aus Afghanistan. Jetzt kämpft er gegen Abschiebungen. Günter Burkhardt, Geschäftsführer von Pro Asyl, hat mit ihm gesprochen.

13.09.2017 13:09
Ramin Mohabat
Ramin Mohabat. Foto: Tim Wegner

Ramin, wir haben uns am Frankfurter Flughafen bei einer Demonstration gegen Abschiebungen nach Afghanistan kennengelernt. Du bist geflüchtet und zeigst jetzt in der PRO ASYL-Kampagne dein Gesicht für das Motiv „Ich verteidige Deine Rechte“. Warum sind dir Rechte und Menschenrechte so wichtig?
Ich habe schon in Afghanistan die Rechte von Menschen verteidigt und ich kämpfe für die Rechte der Menschen auch hier in Deutschland. Nicht alles in Deutschland finde ich gut. Zum Beispiel verdienen Frauen für die gleiche Arbeit weniger als Männer. Und in der Flüchtlingspolitik wird mit Menschenleben gespielt. Man schickt ein bisschen Geld nach Afghanistan und dann schiebt man dorthin ab, das geht nicht. Alle wissen, Afghanistan ist kein sicheres Land und trotzdem wird abgeschoben. Dagegen kämpfe ich und organisiere zum Beispiel zusammen mit anderen Protestdemos.

Hast du dich auch in Afghanistan schon politisch engagiert?
Ja, auch in Afghanistan habe ich schon Demos organisiert. Ich kenne mich da ziemlich gut aus. Als hier in Deutschland die Abschiebungen nach Afghanistan losgingen, habe ich mit meinem deutschen Nachbarn und Freund darüber gesprochen. Wir haben zuerst in Hofheim, das ist eine kleine Stadt bei Frankfurt, wo ich lebe, demonstriert, da kamen immerhin 200 Leute. Später haben wir dann an einer größeren Demo am Frankfurter Flughafen teilgenommen.

Was machen die Abschiebungen mit den afghanischen Flüchtlingen hier in Deutschland, wie geht es den Menschen?
Es geht ihnen schlecht. Ein Freund von mir, der in einer Gemeinschaftsunterkunft wohnt, hat sich letzte Woche mit einem Messer selbst verletzt. Zum Glück haben seine Mitbewohner Schlimmeres verhindert. Ein 19-jähriger afghanischer Junge in München hat sich letzte Woche getötet. Die Menschen haben jetzt richtig Angst, viele haben keine Kraft mehr. Wenn ich ihnen sage 'Bitte lernt Deutsch, sucht eine Arbeit, eine Ausbildung', sagen sie ‘Warum, wenn ich keine Chance habe und zurück muss'.

Das heißt: Die Angst abgeschoben zu werden verhindert, dass die Leute Arbeit suchen, dass sie Fuß fassen?
Wenn du Angst hast, lernst du nicht. Wenn du nicht weißt, ob du in Deutschland bleiben kannst oder nicht, integrierst du dich nicht. Auch in den Asylverfahren kommt es immer wieder zu Fehlern.

In deinem Verfahren war das auch der Fall.
Ja, bei mir auch. Du weißt ja, dass mich die Taliban töten wollten, weil ich über sie berichtet hatte. Ich habe in Afghanistan fünf Jahre als Journalist gearbeitet. Ich kam mit Videodateien, Nachweisen und Zertifikaten hier in Deutschland an und habe alles in meinem Asylverfahren vorgelegt. Der Anhörer sagte zu mir: 'OK, weiter! Ich muss mir das nicht anschauen, das brauche ich nicht‘. Aber im Bescheid stand dann, dass man mir nicht glaubt. Mein Asylantrag wurde abgelehnt. Du musst dir vorstellen, dass in dem Moment über dein ganzes Leben entschieden wird. Mein deutscher Nachbar und Freund war bei der Anhörung dabei und kann zum Glück das, was ich sage, bestätigen.

Du selbst musstest vor den Taliban fliehen. Der Druck, den die Taliban ausüben, äußert sich in Afghanistan ja nicht nur in Anschlägen und Toten. Wie ist das alltägliche Leben unter dem Einfluss einer solchen Bedrohung?
Die Taliban sind sehr mächtig und verfügen über hervorragende Kontakte. Wenn sie dich suchen, bist du überall in Gefahr. Im Endeffekt hast du in Afghanistan keine Chance, ihnen zu entkommen. Ich wusste nicht, wohin ich hätte gehen können.

Du wirst ja hoffentlich auch hier in Deutschland bleiben. Mittlerweile hast du gegen die fehlerhafte Ablehnung geklagt. Du hast einen Anwalt und auch PRO ASYL unterstützt dich. Jetzt hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den ablehnenden Bescheid aufgehoben und es wird eine erneute Anhörung geben.
Ja, ich habe Glück. Aber tausende afghanische Flüchtlinge haben dieses Glück nicht.

Es ist wichtig, Kontakte zu haben, um sich gegen Ablehnungen und Abschiebungen zu wehren. Du lebst ja, wie du erzählt hast, in einer ganz normalen Nachbarschaft. Das hat dir dabei geholfen, neue Bekanntschaften zu schließen und Freundinnen und Freunde zu finden. Andere haben diese Chance nicht, sie leben isoliert in großen Sammelunterkünften. Vor allem in Bayern sollen Asylsuchende demnächst generell in Lagern festgehalten

werden. Das erschwert doch jeden Kontakt.
Wenn du dich hier zurechtfinden willst, brauchst du die Chance, Menschen zu treffen. Und du musst Deutsch lernen.

Du setzt dich hier mittlerweile ja auch für andere Flüchtlinge ein. Was genau tust du?
Ich helfe ganz einfach. Ich kümmere mich um ihre Rechte im Asylverfahren, übersetze Asylbescheide und berate die Leute, wenn sie zur Behörde gehen. Ich mache für sie Arzttermine aus, suche mit ihnen einen Anwalt, solche Sachen.

Es ist ja beeindruckend, wie du dich für die Rechte von anderen Menschen einsetzt. Aber du selbst, was möchtest du für dich in Zukunft tun? Was würdest du in Deutschland machen wollen, wenn hoffentlich bald positiv über deinen Asylantrag entschieden wurde.
Ich möchte Politik studieren. Und ich hoffe, ich kann irgendwann mit deutscher Unterstützung nach Afghanistan zurückgehen. Vielleicht ist es dort irgendwann ein bisschen sicherer. Es gibt so viele intelligente junge Leute in Afghanistan, die eine Ausbildung und eine Chance brauchen, dabei würde ich gerne helfen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Medienpartnerschaft Pro Asyl
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