Lade Inhalte...

Migration aus Afrika „Migration und Entwicklungspolitik zu koppeln, funktioniert nicht“

Migrationsforscherin Zank spricht im Interview über Auswanderungswünsche und Vorteile von legalen Reisewegen.

Migration
Hoffnung auf ein neues Leben: Ein Mann versucht in die spanische Enklave Melilla zu kommen. Foto: rtr

Frau Zanker, der Studie des Pew Research Centers zufolge planen zahlreiche Menschen aus Subsahara-Staaten, in den nächsten fünf Jahren in ein anderes Land zu ziehen. Ist es realistisch, dass so viele Menschen ihre Pläne tatsächlich auch durchziehen?
Wenn bei vielen Menschen das Vorhaben besteht, heißt das noch nicht, dass sie den Migrationsweg auch auf sich nehmen. Außerdem wurde nur ein ganz kleiner Anteil der Bevölkerung befragt. Die meisten, die am Ende tatsächlich emigrieren, bleiben in der Region. Die wenigsten kommen nach Europa oder in die USA.

Wer sind diejenigen, die schließlich doch das Land verlassen?
Emigration ist immer teuer, egal ob es auf legalen oder irregulären Wegen passiert. Die ärmsten Menschen können es sich also überhaupt nicht leisten. Es ist sogar so, dass der Wunsch auszuwandern in Ländern stärker wird, denen es auch wirtschaftlich besser geht, weil sich damit neue Möglichkeiten erschließen.

Was heißt das für die Politik?
Der Ansatz, Entwicklungsprojekte zu fördern, um Migrationsbewegungen zu reduzieren, wird unter Wissenschaftlern kontrovers diskutiert. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass es weniger Emigranten gibt, wenn ein Land besser entwickelt ist. Projekte, die Fluchtursachen bekämpfen möchten, indem sie wirtschaftliche Entwicklung fördern, sind daher politisch fragwürdig. Natürlich ist es wünschenswert, dass die Menschen in Subsahara-Afrika die gleichen Möglichkeiten und Chancen haben, wie in entwickelten Regionen – Migrationsbewegungen und Entwicklungspolitik zu koppeln, funktioniert aber nicht.

Aber ökonomischer Druck motiviert die Menschen der Studie zufolge doch ebenfalls, ihre Heimatländer zu verlassen.
Ja, aber die ärmsten Leute werden höchstens für ein paar Monate in Nachbarländer gehen, um dort zu arbeiten oder etwas zu verkaufen. Sie haben nicht die finanziellen Möglichkeiten, nach Europa oder in die USA zu gehen.

Welche Rolle spielen politische Instabilität und Konflikte?
Niemand sollte in einem Land leben, wo er verfolgt wird oder es unsicher ist. Auch wenn es inzwischen mehr Konflikte im Nahen Osten gibt, bestehen in Afrika noch viele repressive Regime und Konflikte, vor denen Menschen flüchten. Es ist problematisch, dass Europa seine Fluchtpolitik vor allem auf Entwicklungsgeld stützt, in der Außenpolitik aber nicht immer konsequente Grenzen setzt. Dass die Konflikte in der Welt sich nicht weiter reduzieren werden, ist klar, wenn die europäischen Länder auf die Regime nicht den ganzen diplomatischen Druck ausüben, den sie ausüben könnten.

Deutschland scheint als Zielland für Migranten aus Subsahara-Afrika keine große Rolle zu spielen. Warum ist das so?
Die persönlichen Netzwerke und auch Sprache spielen eine große Rolle. Viele Migranten und Flüchtlinge wollen dorthin, wo sie schon Familie oder andere Verbindungen haben oder die Landessprache sprechen. Und das ist bei den wenigen Hundert befragten Menschen für Deutschland wohl nicht der Fall.

Andererseits kommen etwa aus Eritrea und Somalia verhältnismäßig viele Menschen nach Deutschland.
Was neben einer größeren eritreischen Community in Deutschland auch daran liegen kann, dass eritreische Flüchtlinge hierzulande aus guten Gründen bisher eine sehr hohe Anerkennungsrate haben. Eritreer oder Somalier, die sich auf den Weg machen, errechnen sich wohl einfach eine höhere Chance, in Deutschland Asyl zu bekommen. Verrückt ist, dass diese Menschen keine Möglichkeit haben, das auf einem legalen und sicheren Weg zu tun. Sie müssen also erst illegal einreisen, um dann legal ihr Recht auf Asyl einzufordern.

Wären nach Afrika ausgelagerte Asylzentren eine gute Lösung?
Ich bin stark dagegen, weil es dort schwierig wäre, die richtigen Standards aufrechtzuerhalten. Selbst in Europa brauchen Asylprozesse mitunter Jahre. Es muss einfach mehr legale Möglichkeiten geben, nach Europa zu kommen. Menschen, die aus Subsahara-Ländern dorthin oder in die USA gehen, dort studieren oder arbeiten und schließlich legal anerkannt werden, reisen häufiger zurück in ihre Heimatländer – das ist bewiesen. Diese zirkuläre Migration zu ermöglichen, ist extrem wichtig.

Interview: Hendrik Geisler

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum