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Migranten in Calais Gefährliche Flucht über den Ärmelkanal

Immer mehr Migranten wollen von Frankreich nach England. Viele treibt die Angst, dass sich Großbritannien nach dem Brexit zur Festung wandelt.

Dover
Abweisende Felsen. Die britische Küste bei Dover. Foto: imago

Vor wenigen Tagen klingelte frühmorgens das Telefon bei der Polizeistation in Folkestone. Jemand, der zu dieser Stunde schon am Strand unterwegs war, hatte an der Steilküste über sich neun Personen um Hilfe rufen gehört.

Mehrere der Kletterer krallten sich an die Kreidefelsen und wussten offenbar nicht mehr weiter. Wie sich herausstellte, war es eine Gruppe iranischer Migranten, die an diesem Morgen versucht hatte, unbemerkt nach England einzureisen und ins Landesinnere vorzudringen. Das Schlauchboot, das die Iraner zur Überquerung des Ärmelkanals benutzt hatten, lag noch ziemlich lädiert drunten am Strand.

Die ungeübten Kletterer waren nicht die Einzigen, die in den vergangenen Wochen auf waghalsige Weise versuchten, die britische Küste zu erreichen. Derzeit, just zum Wintereinbruch, wagen in Calais, auf der französischen Seite des Kanals, immer mehr Migranten in kleinen Booten die Überfahrt nach England.

Die allerwenigsten von ihnen schaffen es bis zu den berühmten Felsen. Und nur ein Teil erreicht überhaupt das englische Ufer. Die meisten – in Seenot geraten, verängstigt und halb erfroren – fischt die französische oder britische Küstenwache irgendwo auf dem Ärmelkanal auf.

Die Beamten der „Border Force“ an der Küste von Kent und im Hafenbereich von Dover kommen ihrer Aufgabe kaum noch nach: So viele Schlauchboote, Kähne, Dinghys und sonstige schwimmende Nussschalen sind jetzt Richtung England unterwegs.

„Ein irres Risiko“ gehe ein, wer sich an Bord dieser Gefährte begebe, warnen Grenzwächter, die bereits Kleinkinder aus Booten gerettet haben, in die Wasser geschwappt war. Es sei „geradezu ein Wunder“, formulierte es jüngst einer, „dass an unseren Küsten noch keine Leichen angetrieben worden sind“.

Gefährlich ist der Ärmelkanal nicht nur wegen der oft rauen See und des widrigen Wetters dort. Die „Dover Strait“ ist auch eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt – 400 kommerzielle Schiffe, von Fischerbooten bis zu Fähren und schweren Frachtern, fahren jeden Tag durch den Kanal.

Um auf dem Wasser nicht aufzufallen, besteigen die Migranten ihre winzigen Boote bei Nacht und oft auch bei Nebel. Nicht selten schlagen die Boote leck, setzen schadhafte Motoren aus. Den Ärmelkanal auf diese Weise zu überqueren, sagen britische Küstenwächter, das sei, als spaziere man „zur Hauptverkehrszeit quer über die M25“, die vierspurige Autobahn, die rund um London führt.

Schleuser besorgen gestohlene Boote

Dennoch nimmt die Zahl derer, die es versuchen, ständig zu. Allein seit Anfang Oktober wurde praktisch jeden zweiten Tag ein Boot voll mit Menschen abgefangen oder die Migranten wurden an Land aufgelesen. Doppelt so viele Menschen wie im November des vergangenen Jahres, mehr als 120, drängten allein im vergangenen Monat über den Kanal.

Den Grund für diesen Anstieg sehen Experten in den besser abgeschirmten Zufahrten zu Fähren und Tunnelzügen in Calais und in den ständigen Polizeiaktionen gegen die Lager auf französischer Seite, die Menschen immer wieder an neuen Orten aufschlagen, wenn sie von den alten Plätzen vertrieben werden. Der bevorstehende Winter und die eigene verzweifelte Lage treibt die Migranten zu immer gefährlicheren Aktionen.

Auch dass Serbien eine Zeit lang die Visumspflicht für iranische Staatsbürger aufgehoben hatte, trug offenbar dazu bei, dass mehr Menschen an der Kanalküste ankamen. Neben den Iranern warten Iraker und Afghanen in Calais auf ihre Chance.

Menschenschmuggler, die diesen Entwurzelten für Tausende von Pfund pro Kopf gekaufte oder gestohlene Boot besorgen, suchen den Betreffenden einzureden, dass sie jetzt schleunigst fahren müssten – bevor im März nächsten Jahres der Brexit es schwerer mache. Das eine hat mit dem anderen zwar nichts zu tun. Aber das Bild einer sich gegen Europa abschottenden Insel verfehlt seine Wirkung nicht.

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