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#MeTwo Bin ich rassistisch?

Die #MeTwo-Debatte hilft dabei, verbreitete Ressentiments aufzudecken - um sie wirksam zu bekämpfen, braucht es mehr.

Uniklinik Rostock
Schon beim Nachdenken darüber, ob eine Mischung des Personals verschiedener Herkunft in Pflegeeinrichtungen nicht ein Beitrag zum therapeutischen Gelingen wäre, keimt der Verdacht auf: Ist das nicht rassistisch? Foto: dpa

Bekenntnisse? Mein Blick auf die Welt hat sich für immer verändert, nachdem ich Ende der 1990er Jahre für kaum mehr als eine Woche in Lagos, Nigeria, sein durfte. Ein Workshop mit nigerianischen Journalisten auf Einladung des Goethe-Instituts. Bis dahin hatte ich mich nie in einem afrikanischen Land aufgehalten. Marokko, wo ich als jugendlicher Interrailer für ein paar Tage unterwegs war, wurde von unseren Gastgebern nicht als afrikanisch akzeptiert. „Dies hier ist Schwarzafrika“, gab man mir mit schneidendem Stolz zu verstehen. Als ich nach einer Woche voller Eindrücke, unter anderem aus dem legendären „Shrine“ des kurz zuvor verstorbenen charismatischen Musikers Fela Kuti, zurückkam, glaubte ich, zumindest für den Moment, den Rhythmus eines ganzen Kontinents in mir aufgenommen zu haben. 

Rhythmus – was für ein Kitsch. War nicht gerade diese Art der Wahrnehmung eine Form von Rassismus? Ich reduzierte meine Reiseerfahrung auf die Bewegungsfreude der anderen und nahm den Menschen, denen ich begegnet war, somit ein Stück ihrer Individualität. Kann sein, dass dies nicht einmal meine eigene Überlegung war. Vermutlich hatte mich jemand anderes auf meine „rassistische Wahrnehmung“ aufmerksam gemacht, nachdem ich von meiner Rhythmus-Episode erzählte. Die Aufmerksamkeit für stereotype Darstellungsweisen und sprachliche Unzulänglichkeiten gibt es nicht erst seit der #MeTwo-Kampagne, durch die rassistische Alltagserfahrungen gesammelt, bloßgestellt und diskutiert werden. 

Das Wissen über die Mechanismen einer solchen Reduktion auf Stereotypen schützt nicht vor Wiederholungen. In dem Pflegewohnheim, in dem ich meine Mutter besuche, arbeiten einige Pfleger und Sozialarbeiter afrikanischer Herkunft. Ich registriere es mit einiger Genugtuung, ja Erleichterung, dass meine demente Mutter, sie ist gerade 98 Jahre alt geworden, mit großer Sympathie auf Mahmud und Majid reagiert. „Da ist ja mein Freund“, sagt sie, und als wir später allein sind, lobt sie Majid ob seiner stets freundlichen Art. Ich versuche mir zu erklären, warum sie derart positiv auf die beiden reagiert, während sie Layla und Anne eher fürchtet. Es hat vermutlich mit der ansteckenden Offenheit von Mahmoud und Majid zu tun, sie spielen gute Laune nicht vor, sondern strahlen sie aus. Sie tun es, weil alten Menschen, so vermute ich, in afrikanischen Gesellschaften eine besondere Art des Respekts entgegengebracht wird. Man attestiert ihnen Weisheit und Erfahrung, bei uns indes scheinen sie gesellschaftlich nichts mehr beizutragen und deshalb zu stören. 

In Pflegeeinrichtungen, so lege ich es mir optimistisch zurecht, könnte die Mischung des Personals verschiedener Herkunft nicht nur eine arbeitsmarktpolitische Notwendigkeit, sondern auch ein Beitrag zum therapeutischen Gelingen sein. Aber noch ehe der Gedanke formuliert ist, beginne ich zu ahnen, dass auch in dieser Überlegung eine womöglich rassistisch grundierte Annahme schlummert. Kaum auszudenken, wenn bei Einstellungsverfahren charakterliche Dispositionen, die man der Herkunft unterstellt, zur Geltung kommen sollten.

Warum schreibe ich all das? Weil ich vermute, dass es kein Jenseits von Vorurteilen gibt. Es gibt vorbewusste Wahrnehmungen, die unweigerlich in das Alltagsleben eingreifen. Oft ist das hilfreich, nicht selten ist es angebracht, gerade diese auf ihre Funktionstüchtigkeit für eine sich verändernde soziale Wirklichkeit zu überprüfen.

Rassismus ist eine starke Vokabel, die eher selten im Modus der Selbstüberprüfung verwandt wird. Man fragt sich in der Regel nicht: Bin ich rassistisch? Und wenn man jemanden einer rassistischen Formulierung zeiht, geschieht es meist konfrontativ. Das mag von Fall zu Fall geboten sein, aber die pädagogische Wirkung auf denjenigen, der als Rassist bezeichnet wird, ist außerhalb juristischer Verfahren, in denen jemand belangt werden kann, eher begrenzt. 

Der Hashtag #MeTwo hat eine wichtige aufklärerische Funktion, weil er eine Alltagserfahrung offenlegt, auf die die Betroffenen nicht selten auch mit Scham reagieren. Es bedarf eines enormen kommunikativen Aufwandes, sich im Moment einer erlittenen Diskriminierung wirksam zur Wehr zu setzen. Über #MeTwo kann man lernen, wie schwer es selbst eloquenten und durchsetzungsstarken Zeitgenossen fallen muss, die rassistische Attacke zu parieren.

Die in alle Richtungen strebende Debatte über Rassismus in Deutschland zeigt aber auch, wie sehr es gerade jetzt auf Differenzierung und ehrliche Auseinandersetzung ankäme. Es gibt nun einmal keine Sprach- und Verhaltensschablonen, mit deren Hilfe sich öffentliche Herabsetzungen und Verletzungen finden und taxieren lassen. Und das Medium der Selbstüberprüfung bietet keine Garantie, sein Gegenüber in Worten, Gedanken und Alltagshandlungen nicht zu verletzen.

Unkritische Xenophilie – Fremdenliebe – ist indes keine Lösung, und es gibt so gut wie kein Rezept gegen tief in der sozialen Wirklichkeit verankerte Ressentiments. Bei genauerer Betrachtung sind diese nicht nur ein Mittel emotionaler Abwehr, sondern immer auch Antworten auf Empfindungen eigener Unterlegenheit. An der Stelle von Aufklärung und Differenzierung wirken hier Unterstellung, Falschmeldung und Verdacht. 

Eine Gesellschaft, die ganz ohne Ressentiments auskommt, ist eine Illusion. Es braucht aber mehr als nur eine Hashtag-Debatte, um der Konjunktur der Ressentimentstrategien, die inzwischen sogar von Ministerialbürokratien ausgedacht werden, etwas entgegenzusetzen.

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