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Massenunterkünfte für Flüchtlinge „Ankerzentren werden den Stress verstärken“

Der Vorsitzende des Rats für Migration über die Gefahren von Massenunterkünften und warum Horst Seehofer sie trotz höherer Kosten unbedingt durchsetzen will.

Ankunfts- und Rückführungseinrichtung in Bamberg
Massenunterkunft in Bamberg – für die CSU ein Vorbild. Foto: dpa

Herr Schiffauer, der neue Innenminister Horst Seehofer will bald einen „Masterplan für Migration“ vorlegen, auch die Innenminister der Länder beschäftigen sich mit dem Thema. Zentraler Bestandteil sind sogenannte Ankerzentren, in denen Asylbewerber und Flüchtlinge vom Tag der Ankunft bis zum Bescheid – im Zweifelsfall der Abschiebung – untergebracht werden. Was bedeutet das für die Betroffenen?
Die erste Phase ist für Geflüchtete, die hier ankommen, immer eine große Belastung. Das ist eine Phase des Wartens mit sehr ungewissem Ausgang. Auf der einen Seite hat man endlos viel Zeit, auf der anderen Seite läuft einem die Zeit weg, weil Lebenszeit verschleudert wird. Das ist hochgradig stresserzeugend. Wenn der Stress noch durch schlechte Lebensbedingungen gesteigert wird, kann das zu sehr unguten Folgen führen. Das ist auch das Ergebnis verschiedener Studien, die wir am Lehrstuhl für vergleichende Kulturanthropologie unternommen haben.

Es ist davon die Rede, dass bis zu 1500 Menschen in diesen Ankerzentren leben sollen. Führt das nicht zwangsläufig dazu, dass der Stress weiter wächst?
In Massenunterkünften gibt es immer Probleme, das ist strukturell angelegt. Deshalb gab es ja auch 2015 Bestrebungen, möglichst dezentral unterzubringen, um Not zu vermeiden. Aber das ist jetzt leider völlig vom Tisch. Die Ankerzentren werden diesen Stress verstärken.

Ein Argument Seehofers ist, dass mit den Ankerzentren die Verfahren beschleunigt werden, da alles unter einem Dach stattfindet.
Gegen eine Beschleunigung der Verfahren ist nichts zu sagen. Das Problem ist Beschleunigung plus Zentralisierung, also die Unterbringung in Massenunterkünften, die gar nicht notwendig ist. Es geht hier um Abschreckung. 

Im Zentrum steht also ein politisches Signal?
Ja, die Botschaft ist: Wir wollen keine zusätzlichen Geflüchteten in Deutschland. Deshalb greift man sogar zu unnötigen und kostenintensiven Maßnahmen wie Sachleistungen statt Bargeld, was viel umständlicher ist und die Lebensumstände der Betroffenen massiv beeinträchtigt, weil sie nicht selbst kochen können. Das engt den ohnehin sehr engen privaten Spielraum noch weiter ein. Es wird bewusst verelendet, auch wenn es mehr kostet.

Welche Folgen wird diese Verelendung haben?
In Bayern etwa ist es jetzt schon so, dass laut Angaben des Bayrischen Flüchtlingsrats etwa ein Drittel zurückgeht in die Herkunftsländer und ein weiteres Drittel in die Illegalität abtaucht. Das letzte Drittel schlägt sich in den Unterkünften durch. In Massenunterkünften ist zu beobachten, dass Depressionen, Krankheiten und Aggressionen zunehmen. 

Auch, weil es keine Privatsphäre gibt?
Das führt zu vielen sozialen Stresssituationen und entlädt sich nicht nur in verschiedenen ethnischen Gruppen untereinander, sondern auch gegenüber den Wachdiensten. Das kann leicht eskalieren und zu neuer Gewalt führen, das haben wir in Bamberg gesehen. Dazu kommt als zweites großes Problem diffuse Aggression untereinander. Das dritte Problem ist die Politisierung und Solidarisierung wie etwa jüngst in Ellwangen. All das führt dazu, dass solche Lager zu Fremdkörpern in der Stadt werden. Selbst in einer Umgebung, die vorher bei der dezentralen Unterbringung freundlich gegenüber Flüchtlingen eingestellt war, kann dann die Stimmung kippen.

All diese Auswirkungen sind bekannt – sogar die Polizei hält nichts von den Ankerzentren. Warum sollen sie trotzdem durchgesetzt werden?
Das ist viel Populismus dabei: Steckt sie ins Lager, dann ist das Problem angeblich gelöst. Es geht um klassisches Sicherheitsdenken. Man isoliert den Problembereich und erweckt damit den Anschein, alles unter Kontrolle zu haben. Das verspricht auf abstrakte Weise Sicherheit. Dass damit genau das Gegenteil produziert wird, passt nicht ins Weltbild. Durch dieses Ordnungsdenken wird massive gesellschaftliche Unordnung geschaffen.

Die SPD hat diese Ankerzentren unterstützt, als es um den Koalitionsvertrag ging. Jetzt findet sie sie plötzlich keine gute Idee mehr. Wie bewerten Sie das?
Das war vorhersehbar. Ich sehe im Prinzip aber keinen großen Unterschied zwischen CDU und SPD in der Migrationspolitik, wohl aber zur CSU. Es gibt in SPD und CDU vernünftige Politiker, aber auch solche, die sich von der AfD vor sich hertreiben lassen. Seehofer dagegen versucht, vor der Bayern-Wahl die AfD zu überholen.

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