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Lampedusa Das Geschäft mit den Flüchtlingslagern

Wegen menschenunwürdiger Zustände bekommt das Lampedusa-Camp einen neuen Betreiber. Doch auch die Zustände in den übrigen 26 Flüchtlingszentren in Italien sind kaum besser.

Flüchtlinge sollen nach dem Willen der EU-Kommission nun schon auf hoher See abgeschoben werden. Foto: dpa

Italien will die Verantwortung für das Flüchtlings-Auffanglager der Insel Lampedusa einer internationalen Organisation wie dem Roten Kreuz übertragen. Das kündigte Innenminister Angelino Alfano an. Das Vorhaben ist eine Reaktion auf die Veröffentlichung eines Videos, das den menschenunwürdigen Umgang mit Bootsflüchtlingen im Auffanglager dokumentierte. Ein syrischer Insasse hatte heimlich mit dem Handy gefilmt, wie Flüchtlinge nackt und frierend im Freien Schlange stehen mussten, um sich mit einem Desinfektionsmittel gegen Krätze abspritzen zu lassen.

Nach der Fernsehausstrahlung Anfang der Woche wurde der Chef des Lagers abgesetzt. Nun kündigte Alfano an, dass der Vertrag mit den Betreibern, einer Kooperative, ganz beendet werde.

Der Staat dulde keine Verletzungen der Menschenwürde auf seinem Territorium. Lampedusa, „diese hoch sensible Front“, werde man in die Hände einer international angesehenen Organisation legen. EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström, die Italien mit dem Entzug der Finanzhilfen gedroht hatte, sprach von einem richtigen Schritt.

Hauptsache billig

Allerdings sind die Zustände in den übrigen 26 italienischen Flüchtlingszentren kaum besser. „In Italien werden viele Dienstleistungen für Migranten nur nach einem Prinzip vergeben: dem des billigsten Angebots“, sagt Christopher Hein, ehemaliger UNHCR-Mitarbeiter und Leiter des italienischen Flüchtlingsrats. Hein erhebt schwere Vorwürfe: Mit der Zuwanderung werde ein Geschäft gemacht, sagt er. „Wir reden von Aufträgen in Millionenhöhe, an denen sich viele bereichern.“

Verwaltet werden die Aufnahmezentren von privaten und kirchennahen Organisationen. Sie bewerben sich bei den öffentlichen Ausschreibungen des Innenministeriums. „Die Angebote werden oft von Kooperativen oder Personen abgegeben, die lediglich die lukrative Seite im Blick haben und nicht die Interessen der Flüchtlinge“, sagt Hein.

So sei einer der Betreiber die französische Gepsa, die in Frankreich Gefängnisse verwalte – „ganz klar eine Profiteinrichtung“. Die Professionalität der Träger und ob sie die Bedingungen der Ausschreibung erfüllten, werde gar nicht überprüft. Vertreter der Kommunen und der Gesundheitsbehörden hätten oft keinen Zutritt zu den Lagern.

45 Euro pro Flüchtling

Im Schnitt zahlen der italienische Staat und die EU etwa 45 Euro am Tag pro Zuwanderer für Unterkunft, Essen, medizinische Betreuung und ein kleines Taschengeld. Die meisten Aufnahmelager sind jedoch überbelegt, die Unterkünfte überfüllt, die Verpflegung und Behandlung schlecht. Dabei bekommen die Betreiber für jeden zusätzlichen Insassen auch zusätzliches Geld. Ihre Gewinnspannen sind entsprechend hoch.

Manche Lager, wie etwa das in Mineo auf Sizilien, sind regelrechte Flüchtlingsstädte, von denen die Wirtschaft der Region profitiert. 4000 Menschen mit rund 50 verschiedenen Ethnien drängen sich auf dem Gelände, das nur für 2000 ausgelegt ist. Das Betreiber-Konsortium erhält jährlich 50 Millionen Euro, es vergibt Zulieferer-Verträge und Arbeitsplätze. Obwohl gesetzlich ein Höchstaufenthalt von 35 Tagen vorgeschrieben ist, müssen manche Asylbewerber hier bis zu eineinhalb Jahre ausharren, bis ihr Anspruch geprüft wird.

Dagegen hatten Ende Oktober Hunderte verzweifelte Insassen rebelliert, erst vor wenigen Tagen nahm sich ein junger Syrer das Leben. „Es besteht ein Interesse der Träger, die Aufenthaltsdauer künstlich zu verlängern“, sagt Christopher Hein. Denn auch das bringe ihnen Geld.

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