Lade Inhalte...

„Kreuzberger Himmel“ Wie Integration gelingen kann

Die Hilfsorganisation „Be an Angel“ macht mit einem Restaurantprojekt in Berlin vor, wie die Integration von Flüchtlingen gelingen kann.

Bauer/Toelke
Das Team um Maria Bauer und Andreas Toelke (Dritter von rechts). Foto: Nils Hasenau

Mit Hingabe knetet Layali den Teig für die Kubbeh, die arabischen Klößchen aus Bulgur gefüllt mit Lammhack. Vor zwei Wochen hat die Irakerin als Hilfsköchin im „Kreuzberger Himmel“ angeheuert – das erste Mal, dass sie einen Job hat, seitdem sie mit ihrer Familie nach Deutschland floh. Layali ist „einfach nur glücklich“, endlich wieder in ihrem Element zu sein. Mitten im Küchendampf und unter Kollegen, um das tun zu können, was sie schon früher in Bagdad getan hat, als Layali von zu Hause aus mit ihrem Mann einen Catering-Service betrieb.

Den meisten Geflüchteten (auf ihren Wunsch nennen wir sie nur beim Vornamen) aus dem elfköpfigen Team dieses Restaurantprojekts geht es ähnlich. Nach Jahren des Wartens in Flüchtlingsunterkünften, wo ihnen zwischen Deutschkursen und unzähligen Behördengängen nicht viel blieb, als die Zeit totzuschlagen, sind sie froh, eine neue Aufgabe im „Kreuzberger Himmel“ gefunden zu haben. Etwas, das den Selbstwert stärkt. Etwas, womit sich Geld verdienen lässt, zumindest in bescheidenem Maße.

Auch wenn nicht immer alles glatt läuft in dieser multikulturellen Zusammenarbeit zwischen Menschen aus Afghanistan, Irak und Syrien, die allesamt harte Flüchtlingsschicksale durchstanden haben. Ihnen bietet der „Kreuzberger Himmel“ die Startchance in ein selbstständiges Leben in Deutschland und den Gästen feinste syrisch-arabische Küche. „Sonst kriegen wir doch nur noch mit, dass alles rund um das Thema Flüchtlinge furchtbar ist“, sagt Andreas Toelke, Vorsitzender der Hilfsorganisation „Be an Angel“, die zu Jahresbeginn das Restaurant an der Yorckstraße, direkt neben der Bonifatiuskirche, eröffnet hat. „Aber die Wirklichkeit ist einfach anders. Wir – und das sind Muslime, Christen, Hindus und Juden – leben Integration vor.“

„Kreuzberger Himmel“ hilft auch bei Botengängen

Das Konzept scheint aufzugehen. Etwa 8000 Gäste wurden inzwischen bewirtet. „Zwei Drittel“, schätzt Toelke, „kommen erst mal aus Interesse oder Solidarität und zum zweiten Mal, weil es hier gutes Essen gibt.“ Aufgetischt werden Köstlichkeiten wie cremiger Hummus, frischer Baba Ganoush – Auberginensalat mit Sesampaste – sowie weit unbekanntere Speisen orientalischen Ursprungs.

Kein leichtes Unternehmen. Jeder Flüchtling braucht Zeit und Hilfe bei der Einarbeitung. „Manche haben Folter und Gefängnis hinter sich“, berichtet Toelke, ein umtriebiger Berliner mit kurzgeschorenem Grauschopf, Schnauze und Herz. Schon das Zugehen auf die Gäste habe einige viel Überwindung gekostet. Manch neuer Kellner habe zu Beginn dazu geneigt, die Bestellung „aus drei Meter Entfernung vom Tisch“ aufzunehmen. Auch den einen oder anderen Tränenausbruch habe es schon gegeben. Kaum weniger Engelsgeduld verlangt der Umgang mit den bürokratischen Mühlen.

Arbeitsbewilligungen müssen beschafft, Eingliederungshilfen vom Jobcenter beantragt und dazu die Anerkennung des gelernten Chefkochs aus Damaskus vor der Industrie- und Handelskammer durchgebracht werden, um wie geplant ab September Lehrlinge auszubilden. „Fantastisch kochen reicht nicht, er muss ja auch die schriftliche Prüfung bestehen“, merkt Toelke trocken an. Aber dafür hapert es doch noch zu sehr mit dem Deutsch.

Um all das kümmert sich der Trägerverein „Be an Angel“, der im Bezirksamt gegenüber ein Büro bezogen hat. Viel ehrenamtliches Engagement und Privatspenden machen möglich, was sonst auf dem Behördenweg nur stockend vorankommt. So hat ein Mäzen aus Berlin, der ungenannt bleiben möchte, das Startkapital von 80.000 Euro für das Restaurantprojekt zur Verfügung gestellt. Namhafte Designer gestalteten teils ohne Honorar das anspruchsvolle Ambiente. Der Einsatz hat sich gelohnt, so viel lässt sich sagen.

Für Janshid, den afghanischen Kellner, hat im „Kreuzberger Himmel“ ein neues Leben angefangen. Zuvor war der 27-Jährige in einem Aufnahmeheim in Cottbus untergebracht, wo er sich wegen ständiger rechtsradikaler Pöbeleien kaum aus dem Haus traute, bis sich die „Be An Angel“-Anwältin einschaltete und ihm zur Umzugserlaubnis verhalf. „Hier“, sagt Janshid, „habe ich wieder eine Zukunft.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen