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Jemen Die Route des Grauens

Ein Schlepper stößt am Golf von Aden Flüchtlinge über Bord, viele sterben. Der Fall lenkt den Blick auf eine gefährliche Flüchtlingsroute, die in Europa kaum beachtet wird.

Bürgerkrieg im Jemen
Der Bürgerkrieg im Jemen hat nach Schätzungen bereits 8.000 Menschen das Leben gekostet. Dennoch flüchten jedes Jahr tausende Menschen über den Golf von Aden auf die arabische Halbinsel. Foto: afp

Den Helfern bot sich ein Bild des Grauens. Mitarbeiter der Internationalen Organisation für Migration (IOM) waren auf einer Routinekontrolle unterwegs, als sie an einem Strand in der jemenitischen Provinz Schabwa auf fast drei Dutzend flache Gräber stießen.

Mindestens 29 Menschen waren dort wenige Stunden zuvor verscharrt worden, darunter viele Frauen und Minderjährige. Sie hatten vom Horn von Afrika aus den Golf von Aden auf einem Boot überquert, zusammen mit rund hundert anderen Menschen. Kurz vor der Küste stieß sie der Schleuser, dem sie sich anvertraut hatten, ins Meer, weil er fürchtete, entdeckt zu werden.

Vergessene Fluchtroute

Die Flüchtlinge kamen aus Somalia und Äthiopien und waren auf der Suche nach einem besseren Leben – ausgerechnet in einem der ärmsten Länder der Welt, in dem seit Jahren Krieg herrscht. Einige der Überlebenden der Katastrophe, die die Toten notdürftig beigesetzt hatten, erzählten den Mitarbeitern der IOM, was sich auf dem Boot zugetragen hatte.

Ihren Angaben zufolge lag der Altersdurchschnitt der Passagiere bei etwa 16 Jahren. Der Menschenhändler selbst drehte laut ihren Erzählungen sofort wieder um Richtung Somalia, um die nächste menschliche Fracht zu holen.

„Das ist schockierend und unmenschlich“, sagt Laurent de Boeck, der Leiter der IOM-Mission im Jemen. Die Organisation hat ihren Sitz in Genf und ist den Vereinten Nationen angegliedert. Kaum 24 Stunden später kam es zu einem ähnlich brutalen Vorfall, Schlepper drängten vor der Küste des Jemen erneut fast 180 Menschen von Bord, bis gestern Nachmittag wurden fünf Leichen gefunden. Die tatsächliche Opferzahl dürfte weit höher liegen.

Der Golf von Aden ist eine in Europa vergessene Fluchtroute. Mehr als 55 000 Menschen haben in diesem Jahr bereits die wegen unberechenbarer Winde als außerordentlich gefährlich geltende Überfahrt in den Jemen gewagt, im vergangenen Jahr waren es weit über 100 000.

Die meisten träumen davon, es bis in die arabischen Nachbarländer zu schaffen, allen voran das reiche Saudi-Arabien, eine der Hauptkriegsparteien im Jemen, oder in die Vereinigten Arabischen Emirate.

Mehr als die Hälfte der Bootsflüchtlinge, die in diesem Jahr im Jemen gelandet sind, war minderjährig. „Das Leiden der Migranten auf dieser Route ist enorm“, sagt de Boeck. Viel zu viele junge Leute bezahlten die Schleuser, die ihnen falsche Versprechen machten.

Die meisten von ihnen sind über die Lage im Jemen informiert, dennoch hoffen sie, Willkür, Hunger, Chaos und Terror zu entrinnen, etwa im längst zerfallenen Somalia. Somalis sind die größte Flüchtlingsgruppe im Jemen, fast 250 000 leben dort derzeit, viele schon seit fast zwei Jahrzehnten. Dazu kommen fast 10 000 aus dem Irak und 27 000 aus dem Sudan.

War der Jemen früher großzügig gegenüber Flüchtlingen, die des Schutzes bedurften, ist ihre Lage nun verzweifelt. Viele stecken nach der Überfahrt erst einmal fest, zudem sind die afrikanischen Migranten leichte Beute für bewaffnete Banden, die oft mit einer der Kriegsparteien verbündet sind. Das führt dazu, dass ein paar Zehntausend Somalis sogar wieder zurück in ihr zerrüttetes Heimatland gegangen sind.

Hunger und Bürgerkrieg

Seit Jahren kämpfen im Jemen schiitische Huthi-Rebellen gegen die Truppen der sunnitischen Regierung von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi, die von einer internationalen Koalition unter der Führung Saudi-Arabiens unterstützt wird. Jeder Vermittlungsversuch zur Befriedung des Konflikts, der auch ein Stellvertreterkrieg zwischen den rivalisierenden Regionalmächten Saudi-Arabien und Iran ist, ist bisher gescheitert. Mehr als 8000 Tote hat er bereits gefordert, beide Seiten verüben schwere Kriegsverbrechen. Ein großer Teil der Bevölkerung hungert, staatliche Strukturen sind zerfallen.

Dazu wütet im Jemen die schlimmste Cholera-Epidemie der Neuzeit. Mehr als zwei Millionen Jemeniten sind im eigenen Land auf der Flucht, nur einem kleinen Teil gelingt es, sich außer Landes zu retten. Die meisten von ihnen nehmen die umgekehrte Richtung und fliehen über das Rote Meer und den Golf von Aden nach Äthiopien, Djibouti und Somalia. Die Fluchtrouten nach Europa sind für sie praktisch unerreichbar.

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