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Italien Missbrauchte Barmherzigkeit

Wie der italienische Mafia-Clan 'Ndrangheta Millionen aus einem Flüchtlingscamp abgeschöpft hat.

'Ndrangheta verdient an Flüchtlingen
Soldaten patrouillieren im Flüchtlingscamp nahe der Gemeoinde Capo Rizzuto. Foto: dpa

Das Essen reichte oft nicht aus für alle 1200 Bewohner und war obendrein unzumutbar. „So etwas gibt man normalerweise den Schweinen zum Fraß“, beschrieb Nicola Gratteri, Staatsanwalt von Catanzaro, in einem Interview die Versorgung im süditalienischen Flüchtlings-Aufnahmelager nahe der Gemeinde Capo Rizzuto, einem der größten Europas.

In der Nacht zuvor hatten Polizei und Carabinieri 68 Verdächtige festgenommen, die zum ’Ndrangheta-Clan der Familie Arena gehören. Mit Unterstützung der katholischen Organisation „Fraternita di Misericordia“ (Bruderschaft der Barmherzigkeit), dem Betreiber der Einrichtung, sollen die Mafiosi innerhalb eines Jahrzehnts von 100 Millionen Euro EU-Mitteln für das Lager rund ein Drittel abgezweigt haben. „Mit dem Geld kauften sie Kinos und Theater, Dutzende von Wohnungen, Autos, Luxusyachten und Grundstücke“, sagte Staatsanwalt Gratteri. Ein Carabinieri-General nannte das Lager und die katholische Bruderschaft „Geldautomaten der Mafia“.

Pfarrer bereicherte sich

Ausschließlich mit dem Arena-Clan verbandelte Cateringfirmen hatten das Camp in der kalabrischen Provinz Crotone beliefert. Es kamen stets weniger Mahlzeiten als berechnet, auch wurden falsche Rechnungen ausgestellt oder halb vergammeltes Fleisch und Gemüse ausgegeben.

Dafür, dass die Mafiafirmen immer wieder den Zuschlag bei Ausschreibungen erhielten, sorgten der jetzt festgenommene „Misericordia“-Chef Leonardo Sacco, sowie ein katholischer Priester. Der 70-jährige Don Edoardo Scordio, Pfarrer von Capo Rizzuto, soll dafür in nur einem Jahr 130 000 Euro kassiert haben, angeblich für die „spirituelle Betreuung der Migranten“. So stand es auf Schecks, die die Ermittler fanden. Der Priester, der 1996 die Tochter des Clan-Bosses auf einer Feier mit 1700 Gästen traute, hatte sich in den vergangenen Jahren ein Anti-Mafia-Image zugelegt.

Für Unterbringung und Versorgung der derzeit rund 177 000 Flüchtlinge in Italiens Aufnahmezentren zahlt der Staat an die Betreiber pro Tag 35 Euro für Erwachsene und 45 Euro für Minderjährige. In diesem Jahr werden es schätzungsweise rund drei Milliarden Euro sein. Welche Verbindungen der „Misericordia“-Manager und Mafia-Strohmann Sacco zu staatlichen Institutionen hatte, werde noch geprüft, so die Staatsanwaltschaft. Jedenfalls suchte er stets die Nähe wichtiger Politiker, wie den Ex-Premiers Matteo Renzi und Silvio Berlusconi.

Die katholische Zeitung „Avvenire“ schrieb, die dunklen Geschäfte im Aufnahmelager Capo Rizzuto seien ein offenes Geheimnis gewesen, doch die örtliche Politik und Justiz hätten es gedeckt. Raffaele Cantone, Anti-Korruptions-Beauftragter der Regierung, sagte, bisher sei nur die Spitze des Eisbergs ans Licht gebracht.

Dass die organisierte Kriminalität in Italien auf Kosten von Flüchtlingen ein ebenso lukratives wie schmutziges Geschäft betreibt, hatte sich bereits 2015 gezeigt, als im größten europäischen Aufnahmezentrum Mineo auf Sizilien ein Korruptionsskandal aufgedeckt wurde.

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