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Interview „Ich verteidige Deine Werte“

Najem Al Khalaf, 23 Jahre alt, flüchtete im Sommer 2012 aus Idlib in der Nähe von Aleppo, Syrien. Seit Juli 2014 lebt er in Deutschland. Im Rahmen unserer Medienpartnerschaft veröffentlichen wir ein Gespräch mit Pro Asyl.

03.09.2017 15:06
Pro Asyl
Najem Al Khalaf. Foto: Tim Wegner

 Du kamst über das EU-Land Bulgarien nach Deutschland? Wie ging es dir dort?
In Bulgarien gibt es kein Aufnahmesystem, keine Versorgung, keine Krankenversicherung, keine Wohnung – nichts. Wenn du stirbst, egal. Die meisten Bulgaren sind selbst arm, sie können also kaum etwas abgeben. Du kannst dort noch nicht mal die Sprache lernen, weil es keine Kurse gibt. Sechs Monate war ich dort. Ich wurde beklaut, mit dem Messer bedroht und beraubt.

Gab es für dich einen speziellen Grund, nach Deutschland zu kommen?
Es hat sich so ergeben. Ich hatte viel über Deutschland gelesen, bevor ich hierhergekommen bin. Ich wollte unbedingt studieren und mir ein eigenes Leben aufbauen.

Wie lief bisher dein Asylverfahren?
Extrem schwierig. Weil ich über Bulgarien gekommen bin, habe ich bis jetzt keine Aufenthaltserlaubnis. Ich weiß, dass es kompliziert ist, aber ich konzentriere mich lieber auf mein Studium und darauf, etwas aus meinem Leben zu machen.

Du lebst jetzt seit drei Jahren hier in Unsicherheit?
Ich bin im Juli 2014 nach Deutschland gekommen. Es gibt viele Dinge, die ich bis heute nicht darf – zum Beispiel verreisen. Ich habe meine Familie schon seit Jahren nicht gesehen.

Was erwartest du von der Politik in Deutschland? Was kann Deutschland tun, um den Flüchtlingen zu helfen?
Die Abschiebungen nach Afghanistan sind schlimm. Die Menschen haben oft alles riskiert, um zu fliehen. Was meinst du wie schrecklich es ist, wenn dir dann jemand sagt: „Du kannst nicht bleiben, hier ist das Flugzeug nach Afghanistan“? Ich finde außerdem, dass es in vielen Fällen zu lange dauert, bis du als Flüchtling anerkannt wirst. Mein Bruder ist jetzt schon seit 19 Monaten hier und wartet immer noch auf sein Verfahren. Das nächste Problem ist die Familienzusammenführung. Wenn du zum Beispiel eine einjährige Aufenthaltserlaubnis hast, darf deine Familie nicht zu dir kommen. Die sitzt dann weiter in Syrien oder im Libanon fest.

Ja, es gibt vieles, was sich ändern muss. Aber was ist mit dir – was wünschst du dir für dich selbst?
Ich hätte gerne bald meine Aufenthaltserlaubnis und möchte meine Verlobte heiraten. Dann möchte ich meine Familie im Libanon besuchen – wir sind jetzt seit sechs Jahren getrennt. Ansonsten habe ich mit der Fotografie genau das gefunden, was ich unbedingt auch in Zukunft machen will.

Mit Najem Al Khalaf sprachen Günter Burkhardt, Geschäftsführer von Pro Asyl, und seine Stellvertreterin Andrea Kothen. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Medienpartnerschaft Pro Asyl

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