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Interview „Ich verteidige Deine Werte“

Najem Al Khalaf, 23 Jahre alt, flüchtete im Sommer 2012 aus Idlib in der Nähe von Aleppo, Syrien. Seit Juli 2014 lebt er in Deutschland. Im Rahmen unserer Medienpartnerschaft veröffentlichen wir ein Gespräch mit Pro Asyl.

03.09.2017 15:06
Pro Asyl
Najem Al Khalaf. Foto: Tim Wegner

Najem, du warst sehr jung, als du die ersten Erfahrungen mit dem für seine Brutalität und Folterungen berüchtigten syrischen Regime gemacht hast.
Najem Al Khalaf: Ich war 18 Jahre alt und studierte im Libanon Politikwissenschaft und Journalismus. An der Grenze wurde ich von syrischen Beamten durchsucht. Meine Studienbücher kamen ihnen verdächtig vor. Sie nahmen mich fest und brachten mich in ein Geheimdienstgefängnis in Damaskus.

Was geschah dann?
Ungefähr 37 Tage war ich im Gefängnis. Unter anderem war ich auch in dem Gefängnis für politische Inhaftierte untergebracht. Das heißt „Alfaiha“. Hier wurde ich von Beginn an geschlagen. Ich bin mit verbundenen Händen die Treppe runtergetreten worden. Dies musste ich Tag für Tag ertragen. Ich musste mit ansehen, wie ein Mann, der in der gleichen Zelle wie ich untergebracht war, an den Folgen seiner Folterung gestorben ist. Der Leichnam war einfach weitere Tage in meiner Zelle mit anderen Gefangenen liegengelassen worden. Irgendwann wurde ich zum Verhör gerufen. Meine Augen waren verbunden. Der Offizier sagte mir, ich müsse jetzt sofort meinen Militärdienst ableisten. Es sei denn, meine Familie würde mich direkt bei ihm freikaufen. Ich durfte dann meinen Vater anrufen – er wusste zu dem Zeitpunkt nicht, ob ich überhaupt noch lebe.

Wie bist du da wieder rausgekommen?
Mein Vater hat gezahlt. Als ich freikam, hatte ich nur noch 500 Lira in der Tasche, das sind drei bis vier Euro. Damit musste ich es von Damaskus nach Hause schaffen. Im Gefängnis hatten sie mir alles weggenommen, meinen Computer, mein Geld, meine Uhr, meine Kleidung. Ich ging zu einem Busbahnhof und habe überall gefragt, ob mich jemand mitnimmt. Ich war in einer schrecklichen Verfassung. Ich traf einen Busfahrer aus einem Nachbardorf, der nahm mich dann mit.

Aber auch da warst du noch nicht in Sicherheit?
Nein! Schon auf dem Rückweg gab es Probleme: Unterwegs war eine große Straßensperre. Die Soldaten holten mich aus dem Bus. Sie sahen mir an, dass ich direkt aus dem Gefängnis komme – an meinen Schuhen fehlten die Schnürsenkel, die nehmen sie Gefangenen immer ab. Auch später wurde ich überwacht und observiert. Offenkundig galt ich den syrischen Verfolgungsbehörden als verdächtig...

Najem, ich mache jetzt mal einen großen Sprung zu deiner aktuellen Situation in Deutschland. Du hast all diese Gewalt erlebt und hättest jeden Anlass, dich jetzt mal nur um dich selbst zu kümmern – trotzdem machst du Filme über Flüchtlinge und hältst Vorträge. Warum?
Die schrecklichen Dinge, die ich persönlich erlebt habe, haben mich auch stärker gemacht: Ich kann anderen helfen. Flüchtlinge, die hierhin nach Deutschland kommen, haben ihre Träume und Ziele, sie möchten etwas schaffen. Dabei kann ich sie unterstützen. Und ich versuche den Deutschen zu erklären, wie es Flüchtlingen geht. Ich möchte ihnen erklären, was den Syrern vom syrischen Regime angetan wurde, was sie erleiden mussten.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Medienpartnerschaft Pro Asyl
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