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Integration Flüchtlinge eines Bürgerkrieges

Für viele Länder war die Flucht der Hugenotten eine Riesenchance. Trotzdem war die Integration im Deutschland des 17. und 18. Jahrhunderts kein angestrebtes Ziel. Ein Blick zurück.

Der Große Kurfürst von Brandenburg empfängt 1685 Flüchtlinge in Potsdam. Deren Bedingungen, das zeigt der kolorierte Holzstich von 1885 nicht, waren dramatisch. Foto: dpa

Wir bringen die Ansiedlung von Hugenotten in Deutschland zu Recht mit der Aufhebung des Ediktes von Nantes durch Ludwig XIV. im Jahre 1685 zusammen. Darin wurde jedem französischen Protestanten mitgeteilt, dass er entweder zum katholischen Glauben übertreten müsse oder alle seine Güter würden konfisziert. Wer kein Geld hatte, dem wurde die Ausreise nicht erlaubt. Ihm drohte Verfolgung, Folter und Tod. Von den 700.000 französischen Protestanten flohen damals wohl mehr als 200.000. Davon 50.000 in deutsche Staaten. Der Rest versteckte sich, kämpfte in den Cevennen oder in anderen den Truppen der Zentralregierung schwer zugänglichen Regionen.

Doch zunächst sei daran erinnert, dass das Edikt von Nantes 1598 in Frankreich einem dreißigjährigen Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Protestanten vorläufig beendet hatte. Schon diese Auseinandersetzungen hatten zu einem Exodus französischer Protestanten in die protestantischen Staaten Deutschlands geführt. Für die Flüchtlinge dieses Bürgerkrieges hatte zum Beispiel Philipp-Ludwig II. von Hanau-Münzenberg (1576-1612) Glaubensflüchtlingen aus Frankreich und den Spanischen Niederlanden 1604 Neu-Hanau zur Verfügung gestellt. Der Ort war eine an die Stadtmauer von Hanau angelehnte, mit einer eigenen Mauer umgebene Neugründung mit eigener Verwaltung und einem eigenen Bürgermeister. Es gab steuerliche Vergünstigungen und selbstverständlich das Recht auf die Ausübung des eigenen Glaubens.

Die Flüchtlinge hatte Philipp-Ludwig II. aus Frankfurt weggelockt. Der dortige lutherische Magistrat legte den Zuwanderern einen Stein nach dem anderen in den Weg. Als reformierte Christen mussten sie eine zusätzliche Steuer zahlen. Sie durften in der Stadt nicht nur keine Kirche haben. Sie durften nicht einmal Gottesdienste abhalten.

Als der Magistrat dann noch versuchte, einige der reicheren Zugezogenen zu zwingen, Frankfurter Bürgertöchter zu ehelichen, wichen viele ins freundliche, aber kommerziell natürlich nicht so interessante Neu-Hanau aus. Immerhin führte das dazu, dass es bald einen fleißigen Schiffsverkehr zwischen Frankfurt und Hanau gab.

Wer diese und die späteren Hugenottenansiedlungen betrachtet, dem ist bald klar, dass die entsprechenden Verordnungen zwar Toleranzedikte heißen. Dass es in Wahrheit aber um Einrichtungen ging, die mehr mit der chinesischen Wirtschaftssonderzonen der letzten dreißig Jahre zu tun haben, als mit irgendetwas, was wir uns unter einem Toleranzedikt vorstellen.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) war Deutschland verheert und entvölkert. Es gab keinen Landesherren, der nicht – schon im Blick auf die eigene Schatulle – über Industrieansiedlung und Wiederbevölkerung nachdachte. Für die protestantischen Staaten war die Flucht der Hugenotten nach 1685 eine Riesenchance. Ein Großteil ging in die Schweiz, in die Niederlande und nach England. Aber einige deutsche Fürsten versuchten die Flüchtlinge – unter ihnen viele hoch spezialisierte Handwerker – in ihre Länder zu locken. Sie wurden in geschlossenen Siedlungen (Holländisches Viertel in Potsdam) oder gar in eigens gegründeten Hugenottenstädten (Erlangen-Neustadt oder Neu-Isenburg bei Frankfurt ) untergebracht.

Die Gründe für neue Ansiedlungen waren vielfältig. Man konnte die Flüchtlinge auf diese Weise vom Rest der Bevölkerung deutlich trennen. So wurden Reibereien, ja Mord und Totschlag, vermieden. Dennoch kam es natürlich seitens der einheimischen Bevölkerung immer wieder zu Brandanschlägen und massiven Übergriffen. Das hing auch damit zusammen, dass den Neuansiedlern oft Steuervergünstigungen, Kredite und andere Privilegien gewährt wurden.

Ganz abgesehen davon, dass die neuen Häuser oft besser in Schuss waren als die alten, in denen die Eingesessenen lebten. Oft kam noch ein religiöser Aspekt hinzu. In Preußen zum Beispiel stand das reformierte Herrscherhaus einer lutherischen Bevölkerungsmehrheit gegenüber. Dass die Hohenzollern sich jetzt ihre Glaubensgenossen und so eine religiöse Verstärkung holten, stieß nicht überall und schon gar nicht im orthodox lutherischen Klerus auf begeisterte Zustimmung.

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Außerdem: Die Zuwanderer sprachen französisch. Sie richteten französische Schulen ein. Französisch war damals fast europaweit die Sprache der Höfe. Ein Untertan, der zu parlieren verstand, hatte bessere Aufstiegschancen. Die neideten ihm viele deutschsprachige Untertanen seiner Umgebung. Das Französische war nicht nur eine Mode. Es war eine Lebensart. Die Flüchtlinge hatten teil daran. Die deutschen Bürger hassten sie dafür.

Integration war damals kein Ziel. Keiner verlangte sie von den Einwanderern, und kein Einwanderer war erpicht auf sie. Die Einwanderer waren den Landesherren willkommen, wenn sie halfen, die Wirtschaftsleistung des Landes zu heben. Das taten sie kaum, indem sie Rüben anbauten wie die Alteingesessenen. Wenn sie dagegen zum Beispiel Tuche zu weben verstanden oder andere Handwerke beherrschten, deren Produkte sich exportieren ließen, dann galt die Ansiedlung als ein Erfolg. Das war es natürlich nicht immer.

Aber angesichts der zahlreichen entvölkerten Gegenden in Deutschland war die Obrigkeit schon froh, wenn sich die Länder wieder „peublierten“. Wir haben uns daran gewöhnt, die Hugenottenansiedlung als einen Erfolg zu betrachten. Wir tun das, ohne dass eine wirkliche Bilanz gezogen wurde. Das geht wahrscheinlich auch gar nicht mehr. So vielfältig sprudeln die Quellen nicht.

Deutlich erkennen wir aber, dass die Idee der Toleranz weniger mit sittlich-moralischen Überzeugungen als mit den wirtschaftlichen und bevölkerungspolitischen Notwendigkeiten der Öffnung der Gesellschaften zu tun hatte. Es waren nicht die christlichen Herzen der Bevölkerung, die den gequälten Flüchtlingen zuflogen. Es waren die leeren Staatskassen, die verlassenen Dörfer und Täler, die nach Händen riefen, die einen wie die anderen wieder zu füllen.

Inzwischen ist viel darüber geforscht worden, wie gegen die Juden gehetzt wurde, wie ihre Häuser in immer wieder neuen Pogromen von der christlichen Bevölkerung in Stadt und Land niedergebrannt wurden. Ein systematischer Überblick zur Haltung den reformierten Flüchtlingen gegenüber fehlt. Man denke nur an die 15.000 Flüchtlinge, denen der brandenburgische Gesandte in Frankfurt am Main 1685 Pässe für die Weiterreise nach Brandenburg ausstellen ließ. Die Bevölkerung stand an den Straßen und verhöhnte die Flüchtlinge. Den frommen Lutheranern galt das Elend der „Franzosen“ als Zeichen dafür, dass Gott sich von ihnen wegen ihres Unglaubens abgewandt hatte.

„Der Weg von Minden nach Berlin“, so schrieb 1985 der Pankower Pfarrer Johannes Langhoff „soll mit hilflosen Hugenotten übersät gewesen sein, die siech, krank oder sterbend ohne Hilfe liegenblieben. Die Bevölkerung verweigerte die Bereitstellung von Unterkunft und die freiwillige Abgabe von Geld.“ Der Große Kurfürst forderte darum eine Extrasteuer für die Unterstützung der Flüchtlinge. Man kann sich vorstellen, wie begeistert die Einheimischen reagierten. Dazu kam, dass die Flüchtlinge das Bürgerrecht kostenlos erhalten sollten, dass sie in ihren Siedlungen oft eine eigene Justiz hatten, dass sie sich bald in eigenen Zünften organisierten, dass französisch-reformierte Bauern ein vererbbares Eigentumsrecht über ihre Höfe erhielten und von Frondiensten und Leibeigenschaft befreit waren.

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Andreas Nachama, der spätere geschäftsführende Direktor der Stiftung Topographie des Terrors und Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Berlin, hat 1984 in seiner sehr lesenswerten Dissertation darauf hingewiesen, dass die Entstehung des modernen preußischen Staates auf zwei Säulen ruhte. Da ist zunächst die Zerstörung der Rechte des mittelalterlichen Bürgertums durch die Machterweiterung des neuen absolutistischen Territorialstaates. Die zweite Säule ist die Schaffung von „Ersatzbürgern“.

Dazu dienten Hugenotten und Juden. Sie stellten ein neues Bürgertum, das über keine herkömmlichen Privilegien mehr verfügte, das auch nichts mehr zu tun hatte mit untergeordneten Standesherren, sondern ein Geschöpf des Herrschers war. Er war es schließlich gewesen, der sie gegen den Widerstand der Bevölkerung ins Land geholt und immer wieder seine Soldaten zu ihrem Schutz eingesetzt hatte.

Manchmal freilich auch nicht, und das erhöhte nur das Gefühl der Abhängigkeit vom Landesherren. „Nur mit Hilfe der vom Landesherrn dependierenden Ersatzbürger konnte es gelingen, die alte Verwaltung zu beseitigen und die bodenständige Wirtschaft zu ruinieren, ohne damit den Grundstein für eine neue, aufstrebende soziale Gruppe zu legen, denn die Sondergesetzgebung für Juden, Hugenotten und andere Ausländer blieb bis 1806 Monopol des Landesherrn.“ (Nachama)

Heute ist natürlich alles ganz anders. Wir haben zum Beispiel keinen Landesherrn. Wir haben aber eine Wirtschaft, die ein starkes Interesse an Immigration hat. Wegen der wirtschaftlichen Entwicklung, aber auch an billigen Arbeitskräften. An Menschen also, die nicht in überkommenen Verträgen stecken, die mobiler und billiger sind als die Reste der bundesrepublikanischen Industriearbeiterschaft. Die Tragödie der Flüchtlinge ist wie damals eine Chance für die Umorganisation einer Wirtschafts- und Soziallandschaft, die so nicht mehr lange weiter zu finanzieren sein wird.

Der Blick zurück kann uns nicht sagen, was wir in Zukunft tun sollen. Aber er erinnert uns daran, was womit zusammenhängt und wo wir, wenn wir das eine tun, dazu gezwungen sein werden, das andere nicht zu lassen. Man kann nicht Hunderttausende Flüchtlinge aufnehmen und glauben, sie seien zu integrieren in das, was ist. Wir werden mit ihnen zu etwas neuem integriert werden. Ob wir wollen oder nicht.

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