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Homosexualität in Pakistan „Bevor ich zurückgehe, bringe ich mich um“

Sufyan Arshad wurde in seiner Heimat Pakistan wegen seiner Homosexualität verfolgt und musste fliehen. Ein Interview mit Sufyan Arshad und Knud Wechterstein, der Geflüchtete im Asylverfahren begleitet.

Rainbow Refugees
Bei Festen und Märschen machen sich die Rainbow Refugees immer wieder für die rechte homosexueller Flüchtlinge stark. Foto: Hüseyin Usta by lumière fotografie

Herr Arshad, warum sind Sie aus Pakistan geflohen?
Ich bin ein homosexueller Mann und kein gläubiger Muslim. Pakistan ist jedoch ein islamisches Land, in dem die Gesellschaft keine homosexuellen Männer akzeptiert. Sie werden diskriminiert, ausgestoßen, häufig auch getötet. In meinem Heimatdorf hatte ich heimlich einen Freund, bis ich mit ihm erwischt wurde. Mein Vater ist sehr religiös und schlug mich einen Tag lang mit einem Kunststoffschlauch, dann wurde ich von meiner Familie verstoßen. Sie hat jeden Kontakt abgebrochen. Meine Eltern haben sogar eine Anzeige in einer regionalen Zeitung geschaltet mit einem Bild von mir. Darin heißt es, ich sei nicht mehr ihr Sohn, sie brechen alle Verbindungen zu mir wegen meiner Homosexualität. Ich sei kein guter Charakter und alles, was ich tue, habe nichts mit ihnen zu tun. Ich hatte kein Geld, kein Dach über dem Kopf, war alleine.

Und die Polizei?
Homosexualität ist verboten. Die Polizei hat mich schließlich verhaftet; ich wurde sehr schlecht behandelt und geschlagen. Eineinhalb Monate war ich im Gefängnis, bis mich mein Onkel freigekauft hat. Mein Vater hatte sich geweigert. In Pakistan homosexuell zu sein, ist schlimmer als der Tod. Am besten ist es, man bringt sich einfach um.

Wie kamen Sie nach Deutschland?
Mein Onkel hat mir geraten, das Land zu verlassen, weil mein Vater mich umbringen könnte. Er hat mir geholfen und den Schleuser organisiert. Ich kam dann in ein Flüchtlingsheim nach Trebur.

Sie hatten eine Anhörung beim Bamf bezüglich der Einzelfallprüfung. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Was war passiert?
Der Interviewer ging während der Anhörung überhaupt nicht auf mich ein. Auch drängte mich der Dolmetscher die ganze Zeit zur Eile, ließ mich meine Geschichte gar nicht erzählen. „Enden Sie hier jetzt“, hat er ständig gesagt, Details wollte er keine hören. Es hat mich total gestresst, dass er mich nicht hat reden lassen. Ich war neu in Deutschland, kannte weder das Prozedere noch meine Rechte, war panisch und stand völlig unter Druck.

Was hat die Ablehnung mit Ihnen gemacht?
Als ich den Bescheid bekam, stand ich unter Schock. Alle schrecklichen Bilder aus Pakistan gingen mir wieder durch den Kopf, das Gefängnis, meine Familie, die Gesellschaft – alles, was sie mit mir gemacht hatten. Ich dachte, bevor ich zurückgehe, bringe ich mich um. Bis ich die Menschen von den Rainbow Refugees getroffen habe, die mir sehr geholfen haben. Wegen ihnen bin ich überhaupt noch hier. Mittlerweile lebe ich auch nicht mehr im Flüchtlingsheim sondern in einer WG mit einem schwulen Paar zusammen. Im Heim zu leben, war für mich furchtbar, weil ich auch dort wegen meiner Homosexualität angefeindet wurde.

Sie haben gegen den Ablehnungsbescheid geklagt und hatten kürzlich Ihre Verhandlung am Landgericht in Wiesbaden. Die Richterin hat die Entscheidung des Bamf widerrufen und Sie als Flüchtling anerkannt.
Die Verhandlung war wirklich gut, weil ich all das sagen durfte, was ich auch sagen wollte. Die Richterin interessierte sich für meine Probleme und ging ins Detail. Als dann das Urteil kam, war ich einfach nur glücklich. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr, ich habe geweint vor Glück. Ich bin so dankbar, dass mir Deutschland ein neues Leben ermöglicht.

Wie geht es Ihnen jetzt?
In Deutschland lebe ich in Freiheit. Ich muss mich nicht verstecken, sondern kann sagen, dass ich schwul bin, kann meine Gefühle ausdrücken. Insbesondere hier in Frankfurt bei den Rainbow Refugees fühle ich mich aufgehoben – die Menschen hier haben mir immer sehr geholfen. Demnächst will ich eine Ausbildung beginnen als Automechaniker und mit einem Partner einfach nur in Frieden leben. Und meinen Führerschein machen.

Herr Wechterstein, im Ablehnungsbescheid ist von einer „angeblichen“ Homosexualität die Rede? Unterstellen die Behörden oft ein Vortäuschen?
Die Ablehnungsbescheide der Menschen, die aus Pakistan kommen, gleichen sich häufig. Es werden in der Regel einfach Textbausteine verwendet, wobei es ja auch gerade im Falle Sufyan nur eine kurze Anhörung gab. Daher sprechen sie von einer „angeblichen“ Homosexualität, aber der eigentliche Grund der Ablehnung ist ein anderer. Geht es um Pakistan, wird immer gesagt, dass die Menschen in die Großstädte gehen könnten, weil dort ihr Leben nicht bedroht sei trotz ihrer Homosexualität. Das sehen wir anders, und damit stehen wir nicht alleine. Die Menschen selber sagen, dass ein Leben als Homosexueller in Pakistan praktisch nicht möglich ist – auch nicht in der Großstadt.

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