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Gewalt gegen Flüchtlinge Der Mob greift an

Prügelattacken, Brandanschläge, eine Sprengladung: Die Gewalt gegen Flüchtlinge und Asylheime in Deutschland nimmt deutlich zu. Ein Rechtsextremismusexperte warnt: „Die Lage wird wahrscheinlich weiter eskalieren.“

Auch in Freital (Sachsen) verübten Unbekannte einen Anschlag auf eine Wohnung von Flüchtlingen. Ein Mensch erlitt leichte Verletzungen. Foto: dpa

Sonntagabend in Rudolstadt, Thüringen: Fackelmarsch der Bürgerinitiative „Wir lieben Ostthüringen“. Mehrere hundert Menschen, ein Mann am Mikrofon brüllt, Deutschland solle vernichtet werden. „Deshalb, Freunde, bereitet euch auf den Kampf für den Erhalt unseres Vaterlandes vor.“ So weit ist es gekommen: Aus Hass und Wut wird immer häufiger Gewalt, der Mob ermächtigt sich. Die Zahl der Angriffe und Anschläge steigt wie eine Fieberkurve. Allein am Wochenende gab es mehrere Verletzte. In Magdeburg hat in der Nacht zu Sonntag eine Gruppe von rechten Gewalttätern syrische Flüchtlinge mit Baseballschlägern angegriffen. 20 bis 30 dunkel gekleidete Personen gingen laut Polizei „überfallartig“ auf die fünf bis sechs Opfer los. Zivilpolizisten griffen ein und verhinderten Schlimmeres. Drei Syrer mussten dennoch mit Prellungen und Verletzungen im Gesichtsbereich im Krankenhaus behandelt werden. Ein 24-jähriger der Polizei bekannter Schläger konnte festgenommen werden.

„Der Angriff war darauf angelegt, Menschen aufs Schwerste zu verletzen oder zu töten“, meinte der Landtagsabgeordnete Sebastian Striegel. Bereits seit Tagen, so der Grünen-Politiker, würden in Magdeburg Aufrufe zur Selbst- und Lynchjustiz sowie zur Gründung einer Bürgerwehr kursieren.

Treibende Kräfte seien die Hooligan- und Naziszene. Am Samstagabend griffen vermummte Neonazis in Wismar (Mecklenburg-Vorpommern) zwei Flüchtlinge aus Syrien an und schlugen sie krankenhausreif. Laut Polizei standen die beiden Syrer vor einer Notunterkunft, als sie von mehreren „mit Baseballschlägern und anderen Waffen“ ausgerüsteten Schlägern attackiert wurden. Beide mussten ins Krankenhaus. Die Angreifer entkamen.

Auf ein früheres Jugendzentrum in Castrop-Rauxel im Ruhrgebiet ist am Sonnabend ein Brandanschlag verübt worden. Das schnelle Eintreffen der Feuerwehr verhinderte einen Großbrand. In das ungenutze Gebäude sollen in Kürze Flüchtlinge einziehen. Der Staatsschutz ermittelt.

In einer Flüchtlingsunterkunft in Sehnde bei Hannover brannte es auch. Die Polizei geht davon aus, dass das Feuer gelegt wurde.

Bei einem Anschlag auf eine Wohnung von Flüchtlingen ist in Freital bei Dresden ein Mann leicht verletzt worden. Der 26-Jährige erlitt Schnittwunden an der Stirn, als in der Nacht zum Sonntag vor seinem Schlafzimmerfenster eine Sprengladung explodierte, teilte die Polizei mit. Ebenfalls in Sachsen gingen am Sonnabend erneut geplante Flüchtlingsunterkünfte in Flammen auf, einmal ein leer stehendes Hotel in Dresden. Hier ermittelt die Polizei wegen des Verdachts auf Brandstiftung. Beim Brand einer großen Containeranlage in Dippoldiswalde im Erzgebirge steht fest, dass das Feuer gelegt wurde.

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Bei der Ankunft eines Flüchtlingszuges im sächsischen Meerane versuchten am Sonntagabend mehr als 80 Demonstranten, den Weitertransport der auf Busse verteilten Flüchtlinge zu blockieren. Als Polizisten die Blockade auflösen wollten, seien sie angegriffen und mit Böllern beworfen worden. Zwei Beamte wurden den Angaben zufolge verletzt, drei Randalierer vorübergehend in Gewahrsam genommen.

Die Eskalation vom Wochenende bestätigt einen kürzlich bekannt gewordenen Lagebericht des Bundeskriminalamtes (BKA). Darin wird vor zunehmender Gewalt gegen Flüchtlinge, ihre Helfer und Politiker gewarnt. Und das sei noch nicht das Ende, sagte der Rechtsextremismus-Experte Bernd Wagner, Gründer der Neonazi-Aussteiger-Initiative „Exit Deutschland“, der Frankfurter Rundschau. „Die Lage wird wahrscheinlich weiter eskalieren. Die Zahl der Straftaten und deren Intensität könnten noch zunehmen. Die militante Szene wächst.“

Wagner hält alles für denkbar: „Da ist bis hin zu Morden alles möglich. Ich schließe Todesfälle nicht aus. Sie werden beabsichtigt oder billigend in Kauf genommen. Wer Deutschland retten will, der muss den Tod in Kauf nehmen. Das ist die Idee.“

In der militanten Gewaltszene herrsche die Auffassung vor, man müsse im Stil eines Partisanenkrieges gegen das demokratische System und alle, die es trügen, Widerstand leisten. (mit dpa)

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