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Fremdenfeindlichkeit Shitstorm gegen Sexualkundeportal

Die Webseite Zanzu wird von Rechten mit Droh- und Hassmails überschüttet. Der Grund: Sie bietet sexuelle Aufklärung für Flüchtlinge.

11.03.2016 16:29
Thomas Schmitz
Stein des Anstoßes: die Webseite Zanzu. Foto: screenshot/FR

Die Vorwürfe sind unglaublich. Es gehe um die durch die deutsche Bundesregierung geförderte „Zerstörung der weißen Rasse durch Rassenmischung“, behauptet die rechtspopulistische US-Zeitschrift „The New Observer“. Unter einem Artikel der ebenfalls rechtspopulistischen deutschen Wochenzeitschrift „Junge Freiheit“ findet man garstige Kommentare über die „bebilderte Anleitung zum Geschlechtsverkehr“. Und die AfD in Bayern prangert an, dass nach Auffassung des Bundesministeriums für Gesundheit bei der Integration von Asylsuchenden das Wissen um die richtige Stellung beim Sex mit einheimischen Frauen an erster Stelle stehe.

Stein des Anstoßes ist die Internetseite Zanzu.de, die von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln sowie einem belgischen Expertenzentrum für sexuelle Gesundheit entwickelt wurde. Zwei Jahre hat es vom Konzept bis zur Umsetzung gedauert, 130 000 Euro hat das Projekt gekostet. „Mein Körper in Wort und Bild“ wird versprochen – und auch eingehalten. Mit zahlreichen Piktogrammen wird in dem Online-Portal, das sich an Flüchtlinge und an Einrichtungen, die sich mit Flüchtlingen beschäftigen, richtet, alles rund um das Thema Sexualität erklärt. Die Texte liegen in 13 Sprachen vor, von Deutsch und Englisch bis Arabisch. In den meisten Sprachen kann man sich die Texte auch vorlesen lassen. Es ist sogar eine Version in Gebärdensprache geplant.

Zanzu (übrigens ein Kunstwort) gliedert sich in sechs Bereiche: Körper, Familienplanung und Schwangerschaft, Infektionen, Sexualität, Beziehungen und Gefühle sowie Recht und Gesetze. Das Themenspektrum geht aber über den üblichen Aufklärungsunterricht aus Schulen hinaus, denn auch Aspekte wie die weibliche Genitalverstümmelung, ehrbezogene Gewalt sowie Sexarbeit werden beschrieben. Anschaulich dargestellt werden auch verschiedene Arten von Sex oder wie Selbstbefriedigung funktioniert.

Bewusst aus dem Zusammenhang gerissen

Neben zum Teil sachlicher Kritik – so vermisst das Homosexuellen-Portal queer.de das Wort „schwul“, obwohl „lesbisch“ vorkommt – , gibt es eben auch den Entrüstungssturm der Rechtspopulisten. Der führte sogar dazu, dass einzelne Mitarbeiter der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung massenweise Droh-E-Mails erhalten haben.

Dabei werden Fakten bewusst aus dem Zusammenhang gerissen. Das gilt vor allem für die Piktogramme. Besonders am Bild, das einen dunkelhäutigen Mann beim Sex mit einer weißen Frau zeigt, entzündet sich die Wut der Rechtspopulisten. Dass Zanzu bei den Zeichnungen auch komplett weiße und komplett schwarze Pärchen zeigt oder eine schwarze Frau beim Sex mit einem weißen Mann, wird verschwiegen.

Auch der Hintergrund der Seite ist ein anderer, als AfD und Co. vermuten. So geht es natürlich nicht um die richtige Stellung beim Sex mit einheimischen Frauen. Sondern um gesundheitliche Aufklärung und einen verbesserten Zugang von Migranten zur Gesundheitsversorgung, wie es Annette Widmann-Mauz, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, ausdrückt. Und es ist viel mehr als das: „Ärztinnen und Ärzte finden eine konkrete Arbeitshilfe für die tägliche Beratungspraxis“, sagte Elke Ferner, Parlamentarische Staatssekretärin im Familienministerium.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung berichtet auf Anfrage der FR, es habe den dringenden Wunsch nach einer Arbeitshilfe für die Behandlung und Beratung durch Fachkräfte gegeben. Die Webseite sei auch nicht primär für Flüchtlinge entwickelt worden, sondern für sogenannte Multiplikatoren wie Ärzte oder Mitarbeiter von Schwangerschaftsberatungsstellen. Die grafische Darstellung von Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe bilde die Vielfalt der Gesellschaft ab. Und sachliche Kritik wie die von queer.de ist bei der Bundeszentrale sogar erwünscht, um das Portal weiterzuentwickeln. Mit der Publikation der Seite Ende Februar habe die Pilotphase begonnen. Weil die Seite ursprünglich in englischer Sprache erstellt wurde, könnten bei der Übersetzung sprachliche Ungenauigkeiten aufgetreten sein.

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