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Flüchtlingsunterkunft Bamberg Das Vorzeigelager der CSU

Die Unterkunft für 1300 Flüchtlinge in Bamberg gilt der Union als Vorbild – diese Meinung teilt aber niemand in der Stadt.

AEO Bamberg
Die umstrittene Aufnahmeeinrichtung Oberfranken (AEO) in Bamberg. Foto: Andreas Kraft

Als der Rauchmelder losgeht, liegt Mohammad Alzanna wach. Zunächst denkt er, dass es wie so oft ein Fehlalarm ist, weil jemand raucht. Dann riecht er es: Es brennt in der Aufnahmeeinrichtung Oberfranken (AEO). Er drückt auf den Feueralarm, dann rettet er seine Familie. Das Baby seiner Schwester wickelt er in eine Decke und wirft es aus dem zweiten Stock in die Arme eines anderen Flüchtlings. Als die Feuerwehr immer noch nicht kommt, rennt er Richtung Gate. Unterwegs findet er nirgends einen der Security-Mitarbeiter, die hier sonst Streife laufen. Erst am Tor trifft er jemanden an. Dann kommt die Feuerwehr. Ein Flüchtling stirbt in dieser Novembernacht in den Flammen.

Im Mai kam Alzanna aus Aleppo über Italien nach Bamberg. Am Rand der Stadt sind hier rund 1300 Flüchtlinge untergebracht. Als CDU und CSU kurz nach der Bundestagswahl die Zukunft der Flüchtlingspolitik beraten, wird in dem Kompromiss zwischen den Schwesternparteien Bamberg als Vorbild genannt: Nach dem Willen der Union sollen künftig überall in Deutschland solche Lager entstehen. Taugt die Massen-Unterkunft tatsächlich als Vorbild?

Mitte Dezember. Bei einem Pressetermin präsentiert der Regierungsbezirk die Vorzeigeeinrichtung. Gegen 10 Uhr sammeln sich die Journalisten vor dem Tor, an dem Alzanna vier Wochen zuvor die Feuerwehr verständigt hat. Die vier Meter hohen Zäune sind zusätzlich mit Stacheldraht gesichert. Die Sicherheitsmitarbeiter haken die Namen der Journalisten auf einer Liste ab. Auf dem Weg zur Mensa stehen an jeder Stichstraße zwei Aufpasser in gelben Warnwesten. Dann führt Markus Österlein, der Leiter der Einrichtung, durch die Essens-Ausgabe in den leeren Speisesaal für 1000 Leute. „Wir haben inzwischen von Einweg-Geschirr auf Porzellan und Plastikbecher umgestellt“, verkündet er stolz. „Und natürlich kochen wir Halal.“ Unter seinem Anzug trägt der 26-Jährige, der in der CSU als Nachwuchstalent gilt, eine Trachtenweste. Anschließend geht es in eine leere Wohnung.

In den Straßen rund um die Aufnahmeeinrichtung ist die Stimmung angespannt. Hier hört man schnell die üblichen Parolen von Asylbewerbern, die sich ein schönes Leben machen. Doch zwischen den Ressentiments klingt etwas anderes durch: Die Menschen in dem Teil Bambergs, in dem die Grundstücke nur ein Drittel von dem kosten, was sonst in der Stadt gezahlt wird, fühlen sich abgehängt – von den „Bonzen, die am anderen Ende der Stadt in schicken Villen wohnen“.
Seinen Namen will niemand in der Zeitung lesen – aus Angst, dann in die rechte Ecke gestellt zu werden. Bei der Bundestagswahl hat hier gut jeder fünfte die AfD gewählt. Die Zahl der Diebstähle ist in Bamberg im vergangen Jahr um rund zehn Prozent gestiegen. Die Polizei führt das auf das Flüchtlingslager zurück. Bei den schweren Straftaten hat sich nichts verändert. Die Anwohner haben dennoch Angst. Sie verrammeln ihre Türen, installieren Überwachungskameras, manch einer sagt, er traue sich kaum noch auf die Straße.

Gleichzeitig gibt es in der 75 000-Einwohner-Stadt gut 100 Ehrenamtliche, die sich für Flüchtlinge engagieren. Einer von ihnen ist Florim Gashi. 1992 kam er aus dem Kosovo. „Ich habe hier in Bamberg nie Ausländerfeindlichkeit erlebt“, sagt er. Im letzten Jahr habe sich das geändert. „Wir versuchen die Flamme zu löschen, aber sie wird immer größer.“ Dabei kann er die Anwohner verstehen. Natürlich schüre es Ängste, wenn plötzlich auf der Kettenbrücke, einem touristischen Knotenpunkt der Weltkulturerbe-Stadt, ständig 20 bis 30 Asylbewerber sitzen. Dabei waren sie nur dort, weil sie sich in das freie W-Lan eines Bäckers einwählen konnten. Gashi hat sich für einen Hotspot im Lager eingesetzt.

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