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Flüchtlingslager Moria Wieder ein Winter auf Lesbos

Im griechischen Flüchtlingslager Moria geht es ums nackte Überleben. Und wer sich engagiert, bringt sich in Gefahr.

Syrische Familie nahe Camp Moria
Planen statt Zelte: Eine syrische Familie in der Nähe des griechischen Camps Moria. Foto: rtr

„Go home!“ Geht nach Hause, ruft eine ältere Dame den beiden jungen Frauen zu, die vor dem Gebäude der griechischen Regierungspartei Syriza in Mytilini, der Hauptstadt der Ägäis-Insel Lesbos, auf dem Boden sitzen. Der nächste Passant empört sich darüber, dass sich alle nur um die Flüchtlinge kümmerten, aber niemand um die griechischen Inselbewohner. Kaum ist er verschwunden, nähern sich zwei Männer auf einem Moped. Sie bleiben bei laufendem Motor stehen und brüllen Hasstiraden.

Die 21-jährige Shafika und ihre 17-jährige Schwester Karima Quad sind im Oktober mit ihrer kranken Mutter, sechs weiteren Geschwistern und mehreren Nichten und Neffen vor dem Krieg in Afghanistan nach Lesbos geflohen. Wie alle Neuankömmlinge haben sie eine lebensgefährliche Überquerung der Ägäis aus der Türkei hinter sich. Direkt nach ihrer Ankunft wurden sie nach Moria gebracht. Noch immer können sie nicht fassen, wie sie in dem hoffnungslos überfüllten Lager behandelt wurden: „Wir dachten, dass in Europa die Menschenrechte geachtet werden. Aber das ist eine Lüge“, sagen sie. Aus Protest besetzen sie seit über zwei Wochen gemeinsam mit insgesamt 35 Flüchtlingen und einigen solidarischen Griechen das Syriza-Gebäude. Ihre Forderungen: Freilassung des iranischen Flüchtlings Hesam Shaeri Hesari aus der Abschiebehaft und Transfer aller 35 aufs griechische Festland.

Das Lager ist dramatisch überbelegt

Für Arash Hampay aus dem Iran, der sich eine Weile zu den beiden Frauen setzt, ist es bereits der zweite Winter auf Lesbos. Letztes Jahr musste er mit ansehen, wie eine Frau und ein Kind in Moria ums Leben kamen, als ein Gaskocher in einem Zelt explodierte. Mehrere Menschen erfroren oder starben bei Versuchen, sich zu wärmen. Nun eskaliert die Situation erneut. Das Lager ist für die kurzfristige Unterbringung von maximal 2330 Menschen ausgelegt. Es leben jedoch ungefähr dreimal so viele dort, viele von ihnen bereits seit mehr als einem Jahr. Und jeden Tag kommen neue Boote mit Flüchtlingen an, ein Großteil davon Kinder.

Überall innerhalb der mit Stacheldraht bewehrten Lagermauern und zunehmend auch in den angrenzenden Olivenhainen haben die Neuankömmlinge Campingzelte auf dem nackten Boden aufgeschlagen. Kinder laufen barfuß zwischen Müll und Fäkalien herum. Es riecht nach verbranntem Plastik. Wenn es regnet, heben die Flüchtlinge ihre kleinen Zelte an, damit sie nicht von  Wasser und Schlamm durchtränkt werden. Kleidung zum Wechseln haben sie nicht. Es gibt auch kein warmes Wasser oder einen Raum zum Aufwärmen. Wie viele Menschen aufgrund nicht behandelter Krankheiten – selbst ein Schnupfen kann hier tödlich sein – in Moria starben oder sich aus Verzweiflung umgebracht haben, ist nicht bekannt. 

Hampay wurde aufgrund seiner Arbeit als Menschenrechtsaktivist im Iran mehrmals inhaftiert und gefoltert. Sein Vater und sein älterer Bruder wurden umgebracht. Nachdem er und sein jüngerer Bruder erneut zu langen Haftstrafen verurteilt werden sollten, flohen sie. „Vielleicht sollten wir in den Iran zurückgehen“, sagt er nun bitter. „Im iranischen Gefängnis hatten wir wenigstens eine Toilette und eine Dusche und bekamen regelmäßig was zu essen. In Moria muss man zwei bis drei Stunden anstehen für eine kleine, kaum genießbare Mahlzeit. Und bei den wenigen sanitären Anlagen, die es gibt, fragt man sich, ob das eine Toilette oder eine Dusche ist, so verdreckt ist alles.“

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