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Flüchtlingslager in Athen „Wir wollen doch nur zu meinem Vater“

Syrische Flüchtlinge in Athen sind in den Hungerstreik getreten, weil sie nicht zu Verwandten nach Deutschland dürfen. Innenminister Thomas de Maizière aber tritt wohl auf die Bremse.

Flüchtlingsprotest in Athen
Die Flüchtlinge haben sich versammelt, um dafür zu protestieren, dass die griechische und deutsche Regierung das Zeitlimit für die Zusammenführung mit Verwandten in Deutschland einhalten. Foto: dpa

Seit neun Tagen haust Vara in einem kleinen Campingzelt am Athener Syntagmaplatz, gleich gegenüber vom Parlamentsgebäude. Die 32-jährige Syrerin ist nach eigenen Angaben im Hungerstreik, nimmt nur Wasser und Säfte zu sich. Mit der Aktion wollen Vara und 13 weitere syrische Kriegsflüchtlinge, sieben Männer und sechs Frauen, auf ihr Schicksal aufmerksam machen.

Warten im Container eines Flüchtlingslagers

„Mein Mann lebt seit 15 Monaten in Deutschland und hat dort Asyl“, berichtet Vara über einen Dolmetscher. Vor mehr als einen Jahr habe sie bereits den Bescheid bekommen, dass sie mit ihrem Sohn Enis nach Deutschland weiterreisen darf, sagt die Frau. Aber immer wieder verzögere sich die Reise: „Man vertröstet uns.“ Vara, der Name bedeute so viel wie Mut, Kraft, sagt die Syrerin. Mut habe sie, aber mit ihrer Kraft sei sie nach dem mehr als einjährigen Warten im Container eines Flüchtlingslagers bei Athen allmählich am Ende. „Wir wollen doch nur zu meinem Vater“, sagt der zwölfjährige Enis.

Wie Vara und ihrem Sohn geht es Tausenden Kriegsflüchtlingen in Griechenland. Die Dublin-Vereinbarung über die Asylverfahren in der Europäischen Union sieht vor, dass Flüchtlingsfamilien innerhalb von sechs Monaten zusammengeführt werden sollen. Aber in Griechenland warten geschätzt mehr als 4000 Flüchtlinge auf den Nachzug nach Deutschland, manche seit zwei Jahren. Nach inoffiziellen Angaben aus griechischen Behördenkreisen werden derzeit etwa 200 Menschen pro Monat im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland geflogen. Wenn es bei diesem Tempo bleibt, wird es noch fast zwei Jahre dauern, bis alle Familien vereint sind.

De Maizière: Athen sollte Zusammenführung „zurückzufahren“

Am Mittwoch versammelten sich etwa 150 Flüchtlinge und griechische Unterstützer vor der Deutschen Botschaft in Athen, um gegen die schleppende Familienzusammenführung zu protestieren. Sie riefen Sprechchöre wie „Deutschland, Deutschland“ und „Mama Merkel, mach das Tor auf!“ Auch vor dem Bundesinnenministerium in Berlin gab es eine ähnliche Demonstration.

Dort weist man den Vorwurf zurück, Deutschland verzögere den Nachzug. Nach Angaben des Ministeriums kamen in den ersten neun Monaten dieses Jahres 1921 Menschen im Rahmen der Familienzusammenführung aus Griechenland nach Deutschland. Allerdings geht aus einem Brief des griechischen Migrationsministers Giannis Mouzalas hervor, dass Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) Athen dazu angehalten hat, die Familienzusammenführung „zurückzufahren“. Der Brief war an griechische Medien gelangt, Mouzalas bestätigte seine Echtheit.

„Wir wollen zur Schule gehen“ steht auf Englisch und Arabisch auf einem Plakat, das Flüchtlingskinder am Syntagmaplatz aufgespannt haben. Ein anderes Pappschild zeigt eine überdimensionale Bordkarte für den Flug Athen–Frankfurt. Vara und ihr Sohn Enis hoffen, dass sie bald eine richtige Bordkarte in Händen halten. „Vorher breche ich den Hungerstreik nicht ab“, sagt die Syrerin.

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