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Flüchtlingslager Idomeni „Moralische Bankrotterklärung“

Die Räumung des Flüchtlingslager bei Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze hat begonnen. Hilfsorganisationen üben heftige Kritik an der Asyl-Politik der EU.

24.05.2016 15:09
Martín Steinhagen
Polizisten räumen das Flüchtlimgslager Idomeni, in dem sich schätzungsweise 9000 Menschen aufhalten. Foto: AFP

Polizisten mit Schildern und Helmen, ein Hubschrauber am Himmel und viele leere Busse: Am frühen Dienstagmorgen hat die Räumung des improvisierten Flüchtlingscamp nahe der griechischen Ortschaft Idomeni begonnen. Schätzungen zufolge lebten dort nahe der mazedonischen Grenze noch bis zu 9000 Menschen aus Ländern wie Syrien, Irak und Afghanistan. Sie hofften auf eine Öffnung der Balkan-Route, um dann nach Mittel- und Nordeuropa weiterreisen zu können. Nach und nach sollen sie nun mit Bussen in staatliche betriebene Auffanglager gebracht werden. „Man räumt das Symbol ab, damit das Elend aus den Augen verschwindet, es wird aber nur noch schlimmer“, sagte dazu Karl Kopp, Europareferent der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl, dieser Zeitung.

Agenturmeldungen zufolge verlief die Räumung, die erst in mehreren Tagen abgeschlossen sein soll, zunächst friedlich. Am Morgen verließen bereits mehrere Busse mit einigen hundert Menschen das Camp. Eine blockierte Eisenbahnlinie dort solle in „zwei, drei Tagen“ wieder befahrbar sein, hieß es. Journalisten berichteten, dass sie daran gehindert wurden, das Vorgehen der Polizei aus der Nähe zu beobachten.

Das Zeltlager bei Idomeni war zum Symbol für die humanitäre Krise entlang der inzwischen geschlossenen Balkan-Route mitten in Europa geworden. Die Bilder gingen um die Welt: Von Zelten im Matsch, von Kindern die unter widrigsten Bedingungen dort lebten oder von den mit Tränengas zurückgeschlagenen Versuchen einiger Bewohner, die Grenze doch noch zu überwinden. Die „Orte des Transits, die Orte des Elends, die Orte der verschlossenen Grenzen“, wie Calais oder Idomeni, seien „Ausdruck des Scheiterns der europäischen Flüchtlingspolitik“, sagte Kopp am Dienstag. Den Menschen drohten in den staatlichen Camps teilweise schlechtere Zustände – und das abseits des Fokus‘ der medialen Öffentlichkeit. Die Hilfsorganisation Medico International äußerte sich ähnlich.

Es gehe nicht darum, das Idomeni-Camp zu erhalten, sondern legale Ausreisemöglichkeiten zu schaffen und die vorhandenen zu nutzen. Viele der rund 54.000 in Griechenland Gestrandeten hätten Anspruch darauf, weiterzureisen, würden aber nicht registriert. So seien die Menschen den Schleppern ausgeliefert. „Dann gilt das Gesetz des Dschungels: Die Starken kommen weiter und die Schwachen bleiben zurück.“ Es sei skandalös, dass bisher nur rund 400 Flüchtlinge über das europäische Relocation-Programm in andere Länder ausreisen konnten. „Griechenland ist insgesamt in einer schwierigen Lage, alles was dort passiert, ist Sache Europas“, so Kopp. „Im Moment haben wir dort einen Freiluftversuch und sehen zu, ob die Lage kollabiert oder nicht. Das ist eine moralische Bankrotterklärung.“

Erik Marquardt, Parteiratsmitglied der Grünen, hat das Camp nahe Idomeni mehrfach besucht, zuletzt vor zwei Wochen. Sein Eindruck von dort sei ambivalent, sagte er dieser Zeitung am Dienstag. „Mich hat beeindruckt, wie die Menschen mit der Situation umgehen, wie viel Kraft sie aufbringen, das Beste daraus zu machen.“ Viele hätten aber resigniert.

Auch Marquardt kritisiert den Umgang mit den Flüchtlingen. Deutschland habe genug Kapazitäten in Erstaufnahmeeinrichtungen, um in Griechenland festsitzende Geflüchtete aufzunehmen, sagte der 28-Jährige. Es sei eine „schäbige Situation“, dass die Menschen im Stich gelassen würden. Es müsse ein „politischer Ausweg“ gefunden werden. Die Parteivorsitzende der Grünen, Simone Peter, hatte bereits im März nach einem Besuch in Griechenland gefordert, dass Deutschland „im Alleingang die Flüchtlinge aus Idomeni aufnehmen“ sollte, solange in Europa keine Solidarität herrsche.

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