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Flüchtlingslager Calais Im "Dschungel" eskaliert die Lage

In dem teils geräumten Flüchtlingslager von Calais ist die Stimmung explosiv - Polizisten werden mit Steinen beworfen, Flüchtlinge nähen sich aus Protest den Mund zu. Frankreichs Wirtschaftsminister Macron schickt eine Drohung in Richtung England.

Der „Dschungel“ wird gerodet. Die Polizei räumt das gleichnamige Flüchtlingscamp in Calais, die Bewohner wehren sich. Foto: REUTERS

Das Kalkül der französischen Regierung, die von der Teilräumung des Lagers von Calais betroffenen Flüchtlinge würden sich nach anfänglichem Widerstand in ihr Schicksal fügen, ist nicht aufgegangen. Anfang der Woche hatten die aus Zelten und Hütten Vertriebenen Feuer gelegt und die Polizei mit Steinen attackiert. Nun richten die Flüchtlinge die Gewalt auch gegen sich selbst. Acht Migranten haben in der Nacht zum Donnerstag zu Nadel und Faden gegriffen, sich den Mund zugenäht, sind mit Spruchbändern durch die Lehmstraßen des „Dschungel“ genannten Slums marschiert. „Wir sind Menschen, wo ist eure Demokratie, wo ist unsere Freiheit?“ lautete die auf den Transparenten prangende Botschaft.

Die explosive Stimmung im zur Räumung freigegebenen Südteil des Lagers, wo nach Behördenangaben 1000, nach Angaben von Hilfsorganisationen 3000 nach Großbritannien strebende Flüchtlinge leben, droht auf die Politik durchzuschlagen. In einem am Donnerstag in der britischen Zeitung „Financial Times“ erschienenen Interview weist der Pariser Wirtschaftsminister Emmanuel Macron darauf hin, dass die Franzosen in Calais letztlich Aufgaben des britischen Grenzschutzes wahrnehmen und dass dieses Entgegenkommen befristet sein könnte. Sollte sich Großbritannien im Juni für einen Austritt aus der EU entscheiden, werde Frankreich die nach Norden strebenden Migranten nicht länger aufhalten, sagte Macron.

Cameron stockt Hilfe für Calais auf

Unter dem Eindruck der aus Calais eintreffenden Schreckensbilder und der von Macron ausgelösten Irritationen haben Frankreichs Staatschef Francois Hollande und der britische Premier David Cameron am Donnerstagnachmittag Einigkeit demonstriert. Keine 150 Kilometer von Calais entfernt hat Cameron beim 34. französisch-britischen Gipfeltreffen in Amiens angekündigt, den britischen Beitrag zur Bewältigung der Flüchtlingskrise in und um Calais von bisher 60 auf künftig 82 Millionen Euro aufzustocken. Das Geld soll zumal Aufnahmezentren zugutekommen, in denen die Vertriebenen vorübergehend unterkommen sollen und gegebenenfalls Asylanträge stellen können.

Aus Sicht der in Calais tätigen Hilfsorganisationen dürfte das Entgegenkommen der Briten an der explosiven Lage an der französischen Nordseeküste freilich wenig ändern. Die überwältigende Mehrheit der dort gestrandeten Iraker, Afghanen Eritreer oder Sudanesen betrachten Frankreich als Durchgangsstation auf dem Weg nach Großbritannien. Mehr als 20 Prozent der von Calais ins Landesinnere gebrachten Flüchtlinge haben ihrer neuen Unterkunft nach kurzer Zeit wieder den Rücken gekehrt. Fluchtziel ist und bleibt für die Bewohner des „Dschungels“ Großbritannien, wo sie sich mit der Sprache leichter tun als in Frankreich, sich bessere Chancen bei der Arbeitssuche ausrechnen und oftmals auf Unterstützung durch Angehörige oder Freunde zählen können.

Ungeachtet der Proteste haben Bauarbeiter am Donnerstag in der Südhälfte des Flüchtlingslagers weitere Behelfsunterkünfte abgerissen. Die Behörden gehen davon aus, dass bis zur kompletten Räumung des als unhygienisch, wenn nicht menschenunwürdig geltenden Lagers mehrere Wochen vergehen werden. Ein Teil der Vertriebenen scheint sich im knapp 50 Kilometer entfernten Dunkerque niederzulassen, wo ein neuer „Dschungel“ entstanden ist. Um Flüchtlingen den Weg in belgische Seehäfen zu verstellen, die Fährverbindungen nach Großbritannien unterhalten, hat Brüssels Innenminister Jan Jambon das den französisch-belgischen Grenzverkehr überwachende Polizeiaufgebot auf knapp 300 Beamte aufgestockt. Es gelte „um jeden Preis zu verhindern, dass in Belgien ein Zeltlager à la Calais entsteht“, sagte der Minister.

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