Lade Inhalte...

Flüchtlingsheim Calais steht vor der Räumung

Ein Flüchtlingsheim im französischen Calais soll zum Teil geräumt werden. Die Bewohner wollen weiter auf Zeit spielen. Ein Ultimatum blieb zuvor erfolglos. Währenddessen verschärft Belgien die Überwachung an der Grenze in der Nähe der Stadt.

Court adjourns eviction of Calais migrants camp
Französische Polizisten patrouillieren durch das Flüchtlingscamp in Calais. Foto: dpa

Frankreichs Regierung hat beschlossen, das Flüchtlingslager von Calais teilweise räumen zu lassen. Der Süden des „Dschungel“ genannten Lagers vor den Toren der nordfranzösischen Hafenstadt soll dem Erdboden gleichgemacht werden. Offen ist allein, wann die Bulldozer letztlich vorfahren werden. Ein Ultimatum Fabienne Buccios, der Präfektin des Départements Pas-de-Calais, die an Lehmstraßen errichteten Zelte und Holzverschläge bis spätestens Dienstag, 20 Uhr, aufzugeben, war weitgehend folgenlos geblieben.

Die nach Großbritannien strebenden Bewohner scheinen lieber noch mehr Not in Kauf nehmen zu wollen, als kurz vor dem Ziel den Rückzug anzutreten. Nur rund 200 der von Hilfsorganisationen mit 3455, von den Behörden mit 880 bis 1000 bezifferten Flüchtlinge hatten sich in den vergangenen Tagen bereit gezeigt, den Slum zu verlassen und in zum Teil Hunderte von Kilometern entfernte Aufnahmezentren umzuziehen.

Die Zurückgebliebenen hoffen, den Tag der Räumung mit Hilfe der Justiz hinauszögern zu können. Sie verweisen darauf, dass im Lager mehr als 300 Kinder ohne elterliche Begleitung lebten, deren Betreuung vor einer Evakuierung zu regeln sei. Auf Antrag von zehn Hilfsorganisationen und 238 Flüchtlingen will das Verwaltungsgericht Lille noch in dieser Woche über einen möglichen Aufschub entscheiden.

Ohne die Entscheidung abzuwarten, hat Belgiens Innenminister Jan Jambon derweil Vorsorge getroffen, dass die in Calais bedrängten Afghanen, Iraker, Eritreer, Syrer oder auch Sudanesen nicht nach Norden ausweichen können. Jambon hat das seit Wochenbeginn den französisch-belgischen Grenzverkehr überwachende Polizeiaufgebot auf mehr als 250 Beamte aufgestockt. Es gelte „um jeden Preis zu verhindern, dass in Belgien ein Zeltlager à la Calais entsteht“, sagte der Minister. Als mögliches Ziel der aus Nordfrankreich Vertriebenen gilt die belgische Hafenstadt Seebrügge, die Fährverbindungen nach Großbritannien unterhält.

Die Lage der vor Calais gestrandeten Flüchtlinge hatte sich in den vergangenen Monaten zusehends verschlechtert. War es Todesmutigen zunächst noch gelungen, mit einem Sprung auf einen der durch den Ärmelkanaltunnel fahrenden Züge ihrem Fluchtziel näherzukommen, gab es zuletzt kein Durchkommen mehr. Mit Hilfe von Stacheldrahtzäunen und einem rund 1000 Polizisten zählenden Sicherheitsaufgebots ist es den Behörden gelungen, nach dem Fährhafen von Calais auch das Tunnelgelände hermetisch abzuriegeln. Und obwohl eine Vielzahl französischer und britischer Hilfsorganisationen den Flüchtlingen beisteht, sind die Lebensbedingungen im „Dschungel“ erbärmlich. Dass rechtsradikale Milizen in Calais Jagd auf Fremde machen, hat die Not der in Zelten, Baracken und Containern Ausharrenden noch gemehrt.

Wenn Frankreichs Regierung in der Flüchtlingspolitik Härte demonstriert, dann nicht zuletzt aus Sorge, in der Bevölkerung weiter an Rückhalt zu verlieren. Die Rekordausbeute des rechtspopulistischen Front National war aus Sicht der Regierung eine unmissverständliche Warnung gewesen. „Es reicht“, schien die Botschaft zu lauten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen