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Flüchtlinge „Kaum einer will wirklich nach Europa“

Der Amnesty-Generalsekretär Salil Shetty spricht im Interview mit der FR über Erkenntnisse und Wege aus der Flüchtlingskrise.

In Syrien fliehen die Menschen vor dem Krieg. Foto: dpa

Herr Shetty, wie lässt sich Europas Flüchtlingskrise lösen?
An den Wurzeln. In Syrien flüchten die Menschen vor dem Krieg und vor Verfolgung. Also haben wir einige einfache Ratschläge: Tötet keine Zivilisten, versorgt die Flüchtlinge in den Camps mit Nahrung und gebt ihnen eine Perspektive. Diese ersten Schritte würden schon mal helfen. Denn kaum einer der Hilfesuchenden möchte wirklich nach Europa. Zuallererst wollen sie eine Zukunft in ihrer Heimat. Das haben mir unzählige Syrer, Afghanen und Menschen aus afrikanischen Staaten immer wieder gesagt.

Und was schlagen Sie den Europäern vor?
Sie sollten aufhören, die Probleme zu ignorieren. Als Baschar al-Assad 2011 den friedlichen Protest gewaltsam niederschlagen ließ, haben wir von Amnesty vor den Folgen gewarnt. Im Laufe der Jahre wurde das Flüchtlingsproblem immer deutlicher, immer drängender. Es war eine Frage der Zeit, wann das Problem Europa einholt. Aber die europäischen Staaten unternahmen weniger als sie hätten tun können oder müssen. Ein ähnliches Muster findet sich bei anderen Problemen wie beispielsweise in Eritrea. Dort gibt es einen unbefristeten Wehrdienst, der häufig mehrere Jahrzehnte dauert. Auch Jungen und Mädchen im Alter von 16 Jahren werden eingezogen. Die Menschen fliehen vor dieser Repression.

Was könnte Europa konkret unternehmen?
Die EU-Staaten sollten endlich mehr sichere und legale Zugangswege etablieren und auf keinen Fall die bestehenden schließen. So müssten etwa im Rahmen von Neuansiedlungsprogrammen derzeit mindestens 1,15 Millionen besonders schutzbedürftige Flüchtlinge, wie zum Beispiel verletzte und traumatisierte Menschen, alleinstehende Frauen und Kinder, die keine Familie mehr haben, von Staaten aufgenommen werden, in denen sie dauerhaft bleiben und sich ein Leben in Sicherheit aufbauen können. Das wäre eine Konsequenz aus der Tatsache, dass Hilfesuchende weiter nach Europa kommen, weil sie vor den unhaltbaren Zuständen in ihrer Heimat fliehen. Europa kann Menschen nicht auf Dauer an den Grenzen abweisen. Das hat bisher nicht funktioniert und wird auch künftig nicht funktionieren. Sie werden sich weiter Wege auf den Kontinent suchen – auch, wenn das bedeutet, dass sie im Mittelmeer ertrinken können. Und Europa muss einen Weg finden, die Verantwortung zu teilen.

Wie würden Sie die Staaten umstimmen, die bisher kaum oder keine Flüchtlinge aufnehmen?
Amnesty fordert auch diese Regierungen dazu auf, Verantwortung zu übernehmen und Flüchtlinge aufzunehmen. Wichtig ist jedoch, dass die Welt und auch Europa einen gemeinsamen Weg finden: Flüchtlinge müssen menschenwürdig aufgenommen werden und ein faires Asylverfahren bekommen. Wichtig wäre es auch, dass viel mehr europäische Politiker als bisher zu den Idealen der EU und dem EU-Recht stehen und laut und vernehmlich erklären würden: Es ist richtig, Flüchtlinge aufzunehmen und wir müssen und werden Wege finden, diese Menschen zu integrieren.

Interview: Andreas Schwarzkopf

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