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Flüchtlinge „In solchen Unterkünften werden die Menschen nicht mehr als Menschen sichtbar“

Die Psychotherapeutin Silvia Schriefers spricht über ihre Sorgen mit den „Ankerzentren“ und deren Wirkung auf die Gesellschaft.

Bayerisches Transitzentrum
Das Transitzentrum für Asylsuchende in Manching, Bayern, könnte eines der umstrittenen Ankerzentren werden. Foto: dpa

Frau Schriefers, Ihre Arbeitsgemeinschaft vernetzt Zentren, die Flüchtlingen mit psychischen Problemen helfen. Zurzeit entsteht der Eindruck, dass Suizide und Suizidversuche unter Geflüchteten zunehmen. Können Sie das bestätigen, oder ist das nur auf eine gestiegene mediale Wahrnehmung zurückzuführen?
Das ist leider nicht nur eine mediale Wahrnehmung. Die Landtagsanfragen in Hessen und Bayern zeigen, dass sich die Suizidzahlen verdreifacht oder vervierfacht haben. Das ist sehr besorgniserregend. Leider gibt es aber keine bundesweiten Daten dazu, die etwa auch den Aufenthaltsstatus erfassen.

Welchen Vorteil hätten Daten, die zeigen, ob unter Geflüchteten oder Zugewanderten Suizidalität stärker verbreitet ist?
Anhand solcher Daten könnte man einen politischen Handlungsbedarf direkt ableiten. Wir wissen aus der Forschung, dass belastende Situationen wie unklarer Aufenthaltsstatus oder die Unterbringung in Massenunterkünften den psychischen Stress massiv steigern und zu Störungen führen können. Wir sehen auch bei unseren Klienten, wie sie unter ihrer ungesicherten Situation und fehlenden Lebensperspektive leiden.

Der neue Bundesinnenminister will künftig Asylsuchende in sogenannten „Ankerzentren“ unterbringen. Kann in solchen Zentren psychologische Hilfe besser angeboten werden?
Nein, wir sehen solchen Zentren mit großer Sorge entgegen. In den geplanten „Ankerzentren“ sollen viele Geflüchtete auf engstem Raum untergebracht werden, mit einem schlechten Betreuungsschlüssel und ohne die Möglichkeit, unabhängig beraten oder behandelt zu werden. Wir sind skeptisch, ob in solchen Einrichtungen hinreichend erkannt werden kann, ob jemand psychische Probleme hat. Es gibt bereits jetzt ungünstige Unterbringungen – zu diesen haben Ehrenamtliche und unabhängige Helfer aber noch Zugang, können Hilfe vermitteln. In den abgeschotteten „Ankerzentren“ wird das kaum mehr möglich sein. In solchen Unterkünften werden die Menschen nicht mehr als Menschen sichtbar, sie sind dann nur noch eine Verwaltungsnummer.

Im Fokus der Debatte über Flüchtlinge stehen oft junge geflüchtete Männer, die eine undefinierte Art von Gefahr darstellen sollen. Auch unter denen, die Suizid begehen oder es versuchen, ist die Zahl der Männer besonders hoch. Was können Sie aus Ihrer Arbeit darüber sagen?
Psychische Probleme und Krisensituationen entstehen vor dem Hintergrund von traumatischen Erfahrungen, aktuellen Belastungssituationen, den Lebensverhältnissen und der Perspektive der Geflüchteten. Wir sehen, dass viele Männer alleine fliehen mussten und sich ohne Familie oder soziale Unterstützung zurechtfinden müssen. Sie sind häufig eher auf sich alleine gestellt und haben in ihrem Umfeld weniger Menschen, die Belastungen erkennen und frühzeitig Hilfe einholen könnten, um suizidale Krisen abzuwenden.

Sind Geflüchtete offen für psychotherapeutische Hilfe?
Wir betreuen in den psychosozialen Zentren deutschlandweit 18 000 Klienten, haben lange Wartelisten. Insgesamt ist die Nachfrage riesig. Manchmal ist Geflüchteten, die zu uns kommen, nicht klar, was eine Therapie überhaupt ist und wie sie helfen kann. Das wird in der Beratung dann erklärt und gemeinsam besprochen. Viele suchen auch explizit diese Hilfe, warten aber monatelang auf einen Therapieplatz.

Zurzeit beschäftigt sich die politische Debatte damit, wie wir Flüchtlinge schon möglichst weit weg von Deutschland stoppen und wie wir sie hier verwalten, wenn sie doch da sind. Wie wirkt diese Debatte auf Ihre Arbeit?
Die Unsicherheit bei den Klienten wächst, gerade bei Menschen aus Afghanistan. Das erschwert unsere Arbeit sehr. Sie fürchten, abgeschoben zu werden, sind unruhig und verängstigt. Und auch der ausgesetzte Familiennachzug ist für viele Menschen eine Katastrophe. Sie fühlen sich machtlos und alleine. Aber es geht nicht nur um die Geflüchteten, solche Debatten wirken auch auf die deutsche Gesellschaft.

Inwiefern? 
Durch solche Debatten nehmen wir andere Menschen nicht als Individuen wahr, sondern als eine diffuse Masse. Wenn die „Ankerzentren“ kommen, begegnen wir Geflüchteten noch seltener. Das wird die Ängste in Deutschland eher verstärken, solche Maßnahmen beruhigen nicht. Kommunen, die helfende Strukturen für Geflüchtete aufgebaut haben, haben weniger Probleme, als Kommunen, in denen es kaum Begegnungen miteinander gibt.

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