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Flüchtlinge in Frankreich „Eine humanitäre Katastrophe“

Im Nordosten von Paris campieren rund 2400 Flüchtlinge. Jeden Tag kommen etwa 80 hinzu – doch eine Perspektive haben sie alle nicht.

Zelte
Der Quai de Valmy erinnert an einen großen Sieg Frankreichs. Die Flüchtlingszelte dort sind Frankreichs Bankrotterklärung. Foto: rtr

Das Schlimmste liegt hinter mir.“ Mohamed Moussa sagt das leise, mehr zu sich selbst als zu den Umstehenden, als wolle er sich Mut zusprechen. Schlimmer als auf dem Kahn, der ihn von Libyen nach Italien gebracht habe, könne es nicht mehr werden, fügt der Sudanese hinzu. Um zu schildern, was auf dem Meer passiert ist, reicht das brüchige Französisch des Flüchtlings nicht aus. Deutlich wird aber, dass er in Paris zurzeit das Zweitschlimmste erlebt, seit er im August vergangenen Jahres Eltern und Geschwister verlassen hat.

Das Zweitschlimmste ist für Moussa, dass seit Monaten gar nichts mehr passiert, dass er hier feststeckt, keine Perspektive mehr sieht. Seit Februar haust er nun schon unter einer Brücke am Kanal Saint-Denis, über sich die achtspurige Pariser Ringautobahn, vor sich das in Stein gefasste Ufer des Seine-Kanals. Hilfsorganisationen haben dem 22-Jährigen eines der Iglu-Zelte zugeteilt, die zu Hunderten die Ufer des Kanals säumen. Uringeruch steigt in die Nase. Plastikflaschen, Alu-Dosen und Styropor-Schachteln einer Fastfood-Kette treiben den Kanal entlang.

Rund 2400 Flüchtlinge campieren hier im Pariser Nordosten. Jeden Tag kommen rund 80 neue Migranten hinzu. Den meisten geht es wie Moussa. Sie stecken hier fest. Gewiss, wenn die Misere nicht zuletzt aus Sicht der Anrainer zu groß wird, schicken Innenminister Gérard Collomb und der ihm unterstellte Pariser Präfekt Michel Delpuech Räumkommandos der Polizei.

Überwacht von den Sicherheitskräften steigen Eritreer, Sudanesen, Guineer oder auch Ägypter dann in Busse, die sie in teils Hunderte von Kilometern entfernte, über ganz Frankreich verteilte Heime, Sport- oder Mehrzweckhallen bringen. Wer will, kann dort einen Asylantrag stellen. Doch das will kaum jemand. Die meisten Migranten sind von Afrika übers Meer gekommen, haben erstmals in Italien europäischen Boden betreten, sind in Italien behördlich erfasst. Womit sie nach dem Dubliner Abkommen in keinem anderen EU-Staat mehr Asyl beantragen dürfen. Wer kann, flieht aus der neuen Unterkunft, bevor er womöglich in die Heimat abgeschoben oder nach Italien zurückgebracht wird, wo er weder hin will noch willkommen ist.

Evakuierte kehren nach Paris zurück 

Geneviève Jacques hat mitgezählt. „Seit 2015 hat die Polizei hier im Nordosten von Paris 35 Mal Flüchtlingslager geräumt“, berichtet die Leiterin des Migrantenhilfswerks Cimade. Die 36. Räumung stehe kurz bevor. Wer aufs flache Land verfrachtet werde, mache sich bei der erstbesten Gelegenheit aus dem Staub. Ein Gutteil der Evakuierten kehre nach Paris zurück in der aberwitzigen Hoffnung, ohne Arbeitserlaubnis einen Job zu finden.

„Die Flüchtlingshilfe muss effizienter werden“, sagt die Cimade-Chefin. In der Pariser Vorstadt Montreuil sucht sie mit Vertretern anderer Hilfsorganisationen und zahlreicher Bürgerinitiativen am Wochenende nach Wegen, „die Kräfte zu bündeln, das solidarische Frankreich zu stärken und einer Regierung Paroli zu bieten, die eben erst eine Asylrechtsverschärfung auf den Weg gebracht hat“. Die in erster Lesung von der Nationalversammlung verabschiedete und an den Senat weitergeleitete Novelle zielt darauf ab, das Asylverfahren zu beschleunigen, den Rechtsschutz zu verkürzen und die mögliche Dauer der Abschiebehaft zu verlängern.

Die in Montreuil versammelten Helfer aus 76 französischen Departements sehen sich am Anfang eines langen Weges. Die Not ist groß, das Rettende im Vergleich gering. Wie gering es ist, wird deutlich, als der Delegierte einer Bürgerinitiative aus den französischen Alpen anregt, Flüchtlingen ein Formblatt auszuhändigen, auf dem sie in Frankreich verrichtete Jobs eintragen können. „Damit die Migranten bei einer Abschiebung in die Heimat ihren Angehörigen zeigen können, dass die Flucht nicht vergeblich war.“

Im Rathaus von Paris ist die Stimmung gereizt. Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin, nennt die sich im Nordosten der Stadt ausbreitenden wilden Flüchtlingscamps „eine humanitäre Katastrophe“, beklagt „menschenunwürdige Zustände“. Der Sozialistin sind die Hände gebunden. Viel mehr als die Missstände anprangern kann sie nicht. In ausländerrechtlichen Angelegenheiten hat sie kein Mitspracherecht. Allein humanitäre Hilfe für Flüchtlinge fällt in ihr Aufgabengebiet.

Die Tochter spanischer Einwanderer hat am Westufer des Kanals ein halbes Dutzend Mülltonnen, Toilettenhäuschen und Waschbecken aufstellen lassen. Das Wasser kommt aus Straßenhydranten. Über Feuerwehrschläuche gelangt es ans Kanalufer. Nach sanitärer Mindestversorgung sieht das aus, ist es aber nicht. Mehr als tausend Flüchtlinge bräuchten ein Vielfaches.

Ein Jugendlicher springt in den Kanal, krault ans andere Ufer, schüttelt Wasser aus den Kleidern, reckt den Kopf in die Höhe, strahlt. Schiffe, Schleusen, Strömungen hätten dem Schwimmer zum Verhängnis werden können. Zwei Flüchtlinge sind in diesem Kanal bereits ertrunken. „Er ist Sudanese wie ich“, sagt Moussa. „Hier tut sich nichts, und er wollte irgendetwas tun.“

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