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Flüchtlinge in der Türkei „Wir haben schon genug Lager“

Der Migrationsforscher Murat Erdogan bemängelt im Interview mit der Frankfurter Rundschau die fehlende Einwanderungspolitik der Türkei.

Syrische Flüchtlinge in einer Schule im türkischen Sanliurfa. Foto: AFP

Herr Erdogan, in Ihrer Studie sagen Sie, dass wahrscheinlich 400 000 Flüchtlinge illegal in der Türkei arbeiten. Wie hat die türkische Regierung darauf reagiert?
Sie war nicht amüsiert. Aber jeder weiß das.

Wir wissen auch, dass in diesem Jahr rund 700 000 Flüchtlinge aus der Türkei nach Griechenland kamen, die meisten davon Syrer. Die Regierung aber sagt, derzeit seien rund 2,3 Millionen syrische „Gäste“ in der Türkei, 600000 mehr als im Januar.
Niemand kennt die genaue Zahl. Meine Vermutung ist, dass die meisten der nach Griechenland geflüchteten Syrer in der Türkei nicht registriert waren, sondern neu hinzugekommen und weitergereist sind. Es gibt viele Probleme mit der Registrierung der Flüchtlinge bei unserer Generaldirektion für Migrationsmanagement (GDMM). Auch die Zahl der Asylsuchenden aus anderen Ländern wie Afghanistan, Pakistan, Iran, Irak wächst. Derzeit sind vermutlich mehr als drei Millionen Flüchtlinge in der Türkei.

Was geschieht mit diesen Menschen, wenn sie beim Versuch, die Türkei illegal zu verlassen, erwischt werden?
Ich war gerade in Bodrum und Antalya und sprach mit den Gouverneuren und Bürgermeistern über dieses Problem. Beide Städte sind wegen des Tourismus für Flüchtlinge gesperrt. Was tun die Behörden also? Sie registrieren die Flüchtlinge und „schicken sie zurück“. Solange sie nicht kriminell sind, setzt man sie in einen Bus nach Istanbul oder Izmir, um sie los zu werden.

Das soll sich nach der Brüsseler Vereinbarung mit der EU nun ändern. Was kann die Türkei denn tun, um ihre Grenzen besser zu sichern?
Wir haben 911 Kilometer Grenze mit Syrien, 384 Kilometer mit dem Irak, 560 Kilometer mit dem Iran. Sie komplett zu sichern, ist fast unmöglich. Wenn Flüchtlinge festgenommen werden, schickt man sie in die türkische Provinz zurück, in die sie angeblich ursprünglich eingereist sind.

Aber es heißt doch immer, dass es Rückführungszentren in der Türkei gibt.
Die gibt es, aber sie haben nur Kapazitäten für 3000 Menschen. Es kommen viel zu viele Flüchtlinge. Ich habe noch nie gehört, dass die Türkei Menschen wieder nach Pakistan oder Afghanistan zurückgeschickt hätte.

Das Problem, weshalb die Flüchtlinge nicht in der Türkei bleiben, ist ihre Rechtlosigkeit gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention. Ist es realistisch, die Einführung des Rechts auf Asyl von der Türkei zu erwarten?
Wir müssen die Realität anerkennen, aber die Türkei ist noch nicht so weit. Premierminister Ahmet Davutoglu sagte neulich etwas Interessantes: „Wir wollen den Flüchtlingen eine türkisfarbene Karte anbieten, damit sie legal arbeiten können, ähnlich der Green Card in den USA.“ Das wäre ein erster Schritt. Wir sehen auch, dass Davutoglus Sonderberater für die Migration, Dr. Murtaza Yetis, täglich mehr Bedeutung gewinnt. Er könnte der erste türkische Migrationsbeauftragte im Kabinett oder sogar Migrationsminister werden.

Wird die Türkei akzeptieren, dass sie ein Einwanderungsland geworden ist?
Bisher ist sie noch nicht so weit, aber sie wird nicht darum herumkommen. Die Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge und bessere Bildungschancen wären ein großer Schritt nach vorn. Maximal 20 Prozent der Flüchtlingskinder besuchen eine Schule. Aus meiner Sicht müssen wir als erstes Türkischkurse für die Kinder einrichten. Wenn wir nichts tun, wächst eine verlorene Generation heran. Wir werden dafür mindestens 20 000 neue Lehrer brauchen.

Viele Politiker in Europa bezeichnen die Türkei als sicheres Herkunftsland und möchten die Flüchtlinge zurückschicken. Wird es ein echtes Rücknahmeabkommen mit der EU geben?
In den letzten vier Jahren hat die Türkei jeweils weniger als zehn Personen aus Griechenland zurückgenommen. Das Rücknahmeabkommen würde letztlich bedeuten, dass die Türkei zum Flüchtlingslager der EU wird. Das ist nicht akzeptabel.

Viele Menschen und Politiker in Europa denken aber, dass schon Millionen Flüchtlinge in der Türkei in Lagern leben.
Das ist eine falsche Wahrnehmung. Nur zehn Prozent der Flüchtlinge sind in den Camps.

Obwohl die meisten Menschen nicht in Lagern leben wollen, will die EU sogar neue in der Türkei bauen.
Wir haben schon genug Lager. Wir müssen uns auf andere Maßnahmen, vor allem für die städtischen Flüchtlinge, konzentrieren. Allein in Istanbul gibt es 450 000 Flüchtlinge.

Deutschland will 200 000 syrische Flüchtlinge von der Türkei übernehmen. Wie wird das ablaufen?
Darüber habe ich noch nichts Konkretes gehört. Die Türkei wird sicherlich ein Wort bei der Entscheidung mitreden wollen. Vor allem aber sollten die EU und die Türkei eine gemeinsame Asyl- und Integrationspolitik entwickeln. Die EU hat leider noch immer keine Entscheidungen dazu getroffen. Das kann auf lange Sicht nicht funktionieren. Zudem ist die Türkei nicht die Barriere der EU, sondern ein Beitrittskandidat. Im Moment setzt Brüssel nur auf Sicherheit und Stabilität und nicht auf Demokratie. Das ist fatal.

Wie sollen die versprochenen drei Milliarden Euro von der EU verwendet werden?
Die Türkei hat bereits unglaublich große Summen aufgewendet. Zurzeit entsteht eine eigene Flüchtlingsökonomie, bei der viel Geld im Spiel ist, es aber keine Transparenz gibt. Wir sollten ein neues gemeinsames Gremium für die Verteilung und Steuerung der Ausgaben etablieren.

Glauben Sie, dass die Maßnahmen die Flüchtlinge aus der Türkei stoppen können?
Wir können einiges tun, damit weniger Flüchtlinge kommen, aber es wird unmöglich sein, alle aufzuhalten. Die Schlepperindustrie ist ein Milliarden-Geschäft; es wird nicht aufhören, nur weil die EU Geld in die Türkei schickt.

Interview: Frank Nordhausen

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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