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Flüchtlinge Gewalt in Calais eskaliert

1. UpdateBei Massenschlägereien werden Migranten schwer verletzt.

Auseinandersetzungen zwischen Migranten in Calais
Flüchtlinge mit Stöcke marschieren durch die Straßen von Calais. Foto: Uncredited/AP

Ein solches Ausmaß der Gewalt hat Calais noch nie erlebt.“ Das ist das Resümee des französischen Innenministers Gérard Collomb, der nach blutigen Zusammenstößen zwischen afghanischen und eritreischen Migranten die Nacht zum Freitag in der Hafenstadt verbracht hat. Bei Massenschlägereien, in deren Verlauf auch Schüsse fielen, trugen 21 Migranten zum Teil schwere Verletzungen davon. Vier von Kugeln getroffene Eritreer zwischen 16 und 18 Jahren schwebten am Freitag noch in Lebensgefahr. Nach einem 27-jährigen Afghanen, einem mutmaßlichen Schlepper, der die Schüsse abgegeben haben soll, wird gefahndet. 

Wachsende Spannungen unter rund 700 an der Weiterreise nach Großbritannien gehinderten Flüchtlingen hatten sich am Donnerstagnachmittag gewaltsam entladen. Bei der von Hilfsorganisationen organisierten Essensausgabe vor dem Krankenhaus von Calais entbrannte ein Streit zwischen Eritreern und Afghanen. Ein Afghane eröffnete das Feuer, am Abend folgte die Rache der Eritreer. Vor den Toren der Stadt, wo Sicherheitskräfte im vergangenen Sommer den „Dschungel“ geräumt hatten, ein von 8000 Flüchtlingen bewohntes, improvisiertes Camp, gingen rund 100 mit Stöcken und Eisenstangen bewaffnete Eritreer auf etwa 30 Afghanen los. Schauplatz der blutigen Auseinandersetzung war erneut eine von Hilfsorganisationen betriebene Essensausgabe. 

Polizisten reißen Zelte ein 

Innenminister Collomb kündigte am Freitag an, dass künftig der Staat die Essensausgabe übernehmen werde. Auch würden die Sicherheitskräfte weiter verstärkt. Schon jetzt übertrifft die Zahl der in Calais stationierten Polizisten und Gendarmen die Zahl der dort gestrandeten Flüchtlinge. Fährhafen und Eurotunnel sind hermetisch abgeriegelt. Kaum einem Migranten gelingt es noch, auf einem Lastwagen versteckt nach Großbritannien zu gelangen. 

Bleibt der legale Weg. Mitte Januar hatte Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron Londons Regierungschefin Theresa May getroffen und Verhandlungen über ein neues Migrations- und Grenzschutzabkommen angekündigt.

Frankreich dringt darauf, dass Großbritannien mehr unbegleitete minderjährige Migranten aufnimmt als bisher. In Calais hatte der Flüchtlingsandrang daraufhin deutlich zugenommen. Er strebe eine ausgewogene Flüchtlingspolitik an, hatte Macron gesagt. Politisch Verfolgte sollten menschenwürdig empfangen, Wirtschaftsflüchtlinge konsequent abgeschoben werden. Ein Gesetz, das dies gewährleistet, werde im März in die Nationalversammlung eingebracht. 

Die im Vorfeld geübte Praxis wirkt indes wenig ausgewogen. Macrons Innenminister setzt vor allem auf Abschiebung, wenn nicht auf konsequente Abschreckung potenzieller Neuankömmlinge. Collomb hat die Präfekten angewiesen, Obdachlosenheime nach illegalen Flüchtlingen zu durchkämmen. Und nicht nur vor den Toren von Calais reißt die Polizei zum Entsetzen der Hilfsorganisationen von Migranten errichtete Zelte oder Baracken ein. Nach Angaben Jean-Claude Lenoirs von der Hilfsorganisation Salam verlieren die Flüchtlinge bei solchen Razzien nicht nur ihre Behausung, sondern häufig auch ihre zurückgelassenen Habseligkeiten. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Frankreich

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