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Flüchtlinge „Einige würden sofort zurück nach Idomeni“

Wie ist die Lage in den Unterkünften, in die Flüchtlinge nach der Räumung von Idomeni gebracht wurden? Ein Gespräch mit der Medico-Referentin Ramona Lenz.

In den neuen Lagern sieht es nicht immer besser aus als in Idomeni. Foto: AFP

Ramona Lenz ist Migrationsreferentin bei der Hilfsorganisation Medico International. Sie war in vier Auffanglagern, in die Flüchtlinge aus dem geräumten Camp bei Idomeni gebracht wurden. Medico unterstützt ein kleines Team, das mit einem Bus unterwegs ist, um Flüchtlingen in Griechenland zu helfen.

Frau Lenz, Sie haben für Medico International vier Auffanglager besucht, in die Flüchtlinge aus dem Camp bei Idomeni gebracht wurden. Was haben Sie dort gesehen?
Teilweise herrschen dramatische Bedingungen. Wir haben ein vom Militär geführtes Lager in einer Fabrikhalle besucht, wo über 1000 Menschen in Zelten untergebracht sind, manche auch unter freiem Himmel. Eine verzweifelte syrische Familie hat uns berichtet, dass sie für einen Behördengang einen Tag weg war und jetzt eine andere Familie in ihrem Zelt lebt. Sie hatten für sich und ihr Baby keinen Schlafplatz mehr und haben niemanden gefunden, der ihnen helfen konnte. Eine Frau im Rollstuhl ist die Klos abgefahren, weil keines dabei war, das sauber genug gewesen wäre, um es als Rollstuhlfahrerin zu benutzen. An der Landstraße haben wir jemanden ein Stück mitgenommen, der mit einem Kanister Wasser holen wollte, weil es im Lager nicht genug gibt.

Ist das in den anderen Camps ähnlich?
Die meisten Lager rund um Thessaloniki befinden sich in leerstehenden Lagerhallen in abgelegenen Industriegebieten. Manche gibt es schon länger, manche werden gerade erst aufgebaut. Außerdem haben wir eines etwas weiter außerhalb besucht, das des UN-Flüchtlingshilfswerks. Dort waren die Mindeststandards einigermaßen erfüllt. Es gab Wasser, Essen und eine minimale Gesundheitsversorgung, in den Militär-Lagern war das nicht der Fall. Aber auch hier waren die Menschen verzweifelt. Niemand hat ihnen gesagt, wie es mit ihnen weitergehen wird.

Wie sieht der Alltag dort aus?
In einem Lager haben uns Leute berichtet, sie hätten seit 24 Stunden nichts zu essen bekommen. Andernorts schilderten die Flüchtlinge, seit einer Woche gebe es nur trockenes Brot mit Fleisch und Käse darauf – ob das vielleicht Schweinefleisch ist, wussten sie nicht. Gerade die Kinder brauchen aber frische Lebensmittel, und wir haben sehr viele Kinder in den Camps gesehen. Auch für Diabetiker und andere chronisch Kranke ist die Versorgungslage bedrohlich. Ein Mann wollte seine Kinder ins Krankenhaus bringen. Er hat uns erzählt, das Militär habe gesagt, man würde ihn hinfahren, zurück müsse er aber selbst kommen. Geld für ein Taxi hatte er nicht. Letztlich haben unsere Partner vor Ort dann geholfen.

Wie sind die Zustände im Vergleich zu Idomeni?
Einige Flüchtlinge haben gesagt, sie würden sofort wieder nach Idomeni zurückgehen. Dort gab es trotz allem Hilfsorganisationen, die etwa eine Basisgesundheitsversorgung gewährleisteten. Es gab Volksküchen von Freiwilligen, die für die Leute gekocht haben. Das ist in den neuen Lagern nicht der Fall.

Was muss jetzt getan werden?
Das größte Problem ist, dass die Leute nicht dazu kommen, ihren Asylantrag zu stellen oder Familienzusammenführung zu beantragen. In den Lagern hört man pausenlos das Klingeln, wenn die Menschen versuchen, sich bei Skype anzumelden, um darüber online einen Termin bei den Behörden zu bekommen. Das klappt aber nur sehr selten. Manche versuchen das seit Monaten. In den neuen Lagern gibt es teilweise nicht einmal Internet.

Was braucht es nun kurzfristig?
Die Versprechen, mit denen die Leute aus Idomeni weggelockt werden, müssen wahrgemacht werden: Die Leute brauchen Zugang zum Asylsystem. Familienzusammenführung muss gewährleistet werden und die EU muss wenigstens die zugesagte Zahl von Flüchtlingen endlich auf andere Länder verteilen. Außerdem müssen die humanitären Mindeststandards in den Camps erfüllt werden: Wasser, Essen, medizinische Versorgung. Wichtig sind zudem Übersetzer. Wer kein Englisch spricht, hat keine Chance sich verständlich zu machen.

Es gibt Berichte, dass einige der Menschen aus Idomeni nicht in die Auffanglager gegangen sind. Was ist aus ihnen geworden?
Es kursiert die Zahl, dass von den 8000 Menschen ungefähr 5000 nicht in die Auffanglager mitgegangen sind. Zum Teil sind das vermutlich Flüchtlinge, die nicht aus Syrien oder Irak stammen und sich wenig Chancen auf Asyl ausrechnen. Einige werden versuchen, illegal über die Grenze zu kommen. Unsere Kontakte in Belgrad sagen, dass dort täglich kleine Gruppen ankommen. Das ist aber ein sehr schwerer und harter Weg. Das Geschäft der Schlepper blüht jetzt natürlich. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Menschen sich wieder in Idomeni sammeln. Manche haben uns gesagt: „Dort sehen wir die Grenze wenigstens.“ Andere haben berichtet, notfalls wieder zurückgehen zu wollen, entweder in die Türkei oder sogar nach Syrien.

Interview: Martín Steinhagen

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