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Flüchtlinge aus Syrien Warten auf die Zukunft

Hunderte syrische Flüchtlinge harren am Busbahnhof von Istanbul aus und hoffen auf ein Ticket nach Europa.

Es sind vor allem Syrer aus der Mittelschicht, die in der Türkei keine Zukunft für sich sehen. So auch die Bauingenieurin Abir Namo (rechts) aus Damaskus. Foto: Nordhausen

Fünf Tage schon warten Abir Namo und ihre Schwester nebst drei Kindern auf die Chance, in eine bessere Zukunft zu reisen. Wie rund 400 andere Flüchtlinge harren sie seit einer Woche am zentralen Istanbuler Busbahnhof im Bezirk Esenler auf der europäischen Stadtseite aus, um einen Weg nach Europa zu finden. Abir Namo, 47-jährige Kurdin aus der syrischen Hauptstadt Damaskus, zeigt ein Busticket, das sie am Wochenende kaufte, um an die Grenze zu Griechenland nahe der westtürkischen Stadt Edirne zu gelangen. „Wir wurden dort aber von der Polizei angehalten und zusammen mit anderen Syrern nach Istanbul zurückgebracht“, erzählt die schlanke Frau in gutem Englisch.

Rufe unterbrechen das Gespräch. „Europe, Europe!“, „Germany, Germany“ und „Alle Syrer sind eins“, schreien junge Männer, die unter den Flüchtlingen am Busbahnhof die große Mehrheit stellen. Einer hält eine europäische Flagge in die Luft, und die anderen tanzen darum wie um das goldene Kalb. Unter den Augen Dutzender Polizisten liegen wieder andere auf dem Boden auf Pappkartons und schlafen, nur wenige haben im Innenhof der nahen Moschee Zelte aufgebaut. Diese Menschen, überwiegend Syrer, wollen so schnell wie möglich weiter, nach Edirne, nach Griechenland, nach Mazedonien und über den Balkan nach Nordeuropa.

Abir Namo guckt ein wenig belustigt auf ihre Landsleute. „Sehen Sie, wie euphorisch die Menschen sind?“ Die geschiedene Mutter von vier Kindern ist in einem guten Viertel von Damaskus aufgewachsen, hat Bauingenieurwesen studiert und in einer staatlichen Behörde gearbeitet, bis der Bürgerkrieg ausbrach. „Wir hatten ein gutes Leben. Aber dann wurde unser Wohnviertel von der Armee beschossen. Das Leben wurde unerträglich. Jeder tötet jeden. Vor zwei Jahren sind mein Bruder, meine Schwester und ihr Mann und drei meiner Kinder mit mir in die Türkei geflüchtet.“

Die Familie versuchte wie viele Syrer aus der Mittelschicht, in Istanbul Fuß zu fassen. Denn hier fanden sie eine städtische Umgebung vor, in die sie glaubten, sich integrieren zu können. „Aber das war eine Illusion“, sagt Abir Namo. Weder sie selbst noch ihr Bruder oder ihre Schwester, beide Ingenieure, konnten am Bosporus eine angemessene Arbeit finden, da ihre Abschlüsse nirgends anerkannt wurden. Aufgrund ihrer guten Englischkenntnisse bekam Abir Namo zwar einen Job in einem Reisebüro, doch reichte das Geld nicht, um sie alle über Wasser zu halten. Die Ersparnisse reichten gerade noch, um ihrem 17-jährigen Sohn Barak das arabische Gymnasium in Istanbul zu bezahlen. „Aber es ist sehr kompliziert und teuer, in der Türkei zu studieren, auch deshalb wollen wir jetzt nach Deutschland“, sagt sie.

Warum aber unbedingt Deutschland? Auf die Frage hat Abir Namo eine klare Antwort: „Weil dort mein Bruder, mein Sohn Humam und Bekannte leben. Ich möchte mit meiner Familie vereint sein!“ Vor drei Monaten sind ihr Bruder Ahmet Namo und ihr 18-jähriger Sohn Humam bereits mit einem Schlauchboot über das Mittelmeer auf die griechische Insel Lesbos und dann weiter nach Deutschland geflohen. „Jetzt sind sie in Düsseldorf, mein Bruder hat schon eine Arbeit als Übersetzer bekommen. Er sagt, sie erhalten jetzt auch eine Wohnung. Und alle sagen, die Deutschen seien freundlich und hilfsbereit.“ Abir Namo weiß, dass sie auch auf die legale Familienzusammenführung warten könnte, aber das Verfahren dauere zwei Jahre und sei kompliziert, sagt sie. „Wir leben doch jetzt!“ Wegen der Gefahr für die Kinder will sie lieber den Landweg über den Balkan nehmen. Außerdem seien die Kosten für die Schleuser viel geringer.

Fragt man die anderen Flüchtlinge am Istanbuler Busbahnhof, so fallen die Antworten ähnlich aus. Die meisten gehören wie Abir Namo zur Mittelschicht, tragen gute Kleidung und besitzen Smartphones. Ahmed al-Hussein, ein 38-jähriger kurdischer Schneider aus Aleppo, der drei Jahre in Istanbul gearbeitet hat und dafür einen durchaus fairen Lohn von 1300 Lira erhielt, konnte seine sechsköpfige Familie damit trotzdem nicht über Wasser halten, denn allein die Wuchermiete für die Zweizimmerwohnung betrug tausend Lira. „Wir sind der Türkei für die Aufnahme dankbar, aber es ist fast unmöglich, seine Familie hier zu ernähren“, seufzt er. Er hofft auf den deutschen Arbeitsmarkt. „Ich habe gehört, dass dort gute Schneider gesucht werden.“

Einige aus der Gruppe haben schon mehrmals vergeblich versucht, über das Meer nach Griechenland zu gelangen, wurden aber von der türkischen Küstenwache daran gehindert oder überlebten einen Schiffbruch, wie der 20-jährige Majid Aravdaki, der in Damaskus Maschinenbau studierte und gemeinsam mit zwei Freunden Syrien verließ, weil er nicht in der Armee Assads dienen und auf andere Sunniten schießen wollte. „Wir haben nichts mehr, keine Wohnung, keine Arbeit, kein Geld, nur den Willen, nach Europa zu kommen“, sagt er. Die Freunde sind entschlossen, notfalls die 300 Kilometer nach Edirne zu laufen, da am Istanbuler Busbahnhof keine Fahrkarten an Araber mehr verkauft werden. „In der Türkei gibt es für uns keine Perspektive. Deshalb wollen wir nach Deutschland“, sagen sie.

Am Sonntag hat sich ihnen der 16-jährige Bäckersohn Evin aus Aleppo angeschlossen, der aussieht wie 13 und große traurige Augen hat. Evin sagt, seine gesamte Familie – Vater, Mutter, Bruder, Schwestern, seien bei einem Fassbombenangriff des Assad-Regimes auf das Wohnviertel Sheikh Sait vor wenigen Tagen getötet worden. „Vor dem Essen – Bombe! Nach dem Essen – Bombe!“, so sei das Leben in Aleppo, sagt der schmale Junge. „Ich bin weggerannt und habe es bis in die Türkei geschafft. Die Leute hier sind meine neue Familie. Mit ihnen will ich nach Deutschland gehen.“

Immer wieder bringt die Polizei, die mit einer Hundertschaft das wilde Lager am Busterminal bewacht, gescheiterte Grenzgänger aus der Provinz Edirne zurück. Dort stauen sich laut türkischen Medienberichten mehrere tausend Flüchtlinge an der griechischen Grenze, aber die Türkei lässt bislang niemanden passieren. Das Land nimmt eine Schlüsselrolle in der Flüchtlingskrise ein. Es ist das Nadelöhr, durch das die Menschen aus Asien, Afrika und dem Nahen Osten müssen, wenn sie Europa erreichen wollen. Seit dem Beginn des syrischen Bürgerkrieges 2011 haben mindestens 2,2 Millionen Syrer Zuflucht in der Türkei gefunden, dazu Hunderttausende aus dem Irak und anderen Ländern. „Der Zustrom bringt unser Land finanziell und sozial an seine Grenzen“, sagt der Migrationsforscher Murat Erdogan von der Hacettepe-Universität in Ankara.

Die Türkei kann sich auch nicht wirklich abschotten. Mehr als 2500 Kilometer Landgrenze sind nicht lückenlos kontrollierbar. Auch die Seegrenze am Mittelmeer ist viel zu lang und zudem touristisch genutzt, als dass sie sich effektiv abriegeln ließe. In deutschen Medien geäußerte Vorwürfe, dass die Türkei ihre Grenzen absichtlich als Ventil für die eigene Überforderung öffne und um die EU mit dem Massenexodus unter politischen Druck zu setzen, lassen sich nicht verifizieren. „Ich glaube nicht, dass sich die türkische Politik strategisch geändert hat. Küstenwache und Polizei sind einfach völlig überarbeitet und erschöpft“, sagt dazu Murat Erdogan.

Zugleich strömen immer wieder neue Flüchtlinge aus den Krisengebieten im Nahen und Mittleren Osten in die Türkei. Sie kommen in einen Staat, der zwar 266 000 Syrer in 25 gut ausgestatteten Lagern entlang der Grenze untergebracht hat, die inzwischen aber vollständig belegt sind und in denen sich die Ärmsten der Armen sammeln. Die meisten Flüchtlinge verteilen sich auf die großen Städte der Grenzregion und der Westtürkei wie Istanbul. Sie müssen sich dort weitgehend selbst durchschlagen, denn der Staat stellt ihnen außer einer kostenlosen medizinischen Grundversorgung kaum andere Leistungen bereit.

Viele verelenden, betteln oder prostituieren sich. Da Ankara davon ausging, dass die Flüchtlinge „Gäste“ seien, die bald wieder in ihre Heimatländer zurückkehren würden, wird ihnen kein offizieller Flüchtlingsstatus zuerkannt. „Es sind nicht die Armen und die Leute aus den Lagern, die jetzt nach Europa aufbrechen, denn ihnen fehlen dafür die Mittel“, sagt Murat Erdogan. „Es sind die Angehörigen der Mittelschicht, die seit zwei bis vier Jahren in der Türkei leben und nun erkennen, dass sie wahrscheinlich nie nach Syrien oder den Irak zurückkehren können. Es ging ihnen in der Türkei nicht so schlecht, aber sie haben keinen offiziellen Flüchtlingsstatus, dürfen nicht arbeiten und sehen deshalb hier keine Zukunft mehr für sich.“ Europäische Politiker fordern nun von der Türkei, den Flüchtlingen den Asylstatus und Arbeitsmöglichkeiten zu gewähren. Doch Murat Erdogan sagt, die Türkei leide selbst schon unter großer Arbeitslosigkeit, auch unter Akademikern. Er glaubt, dass die Flüchtlingsströme in den nächsten Jahren nicht versiegen werden. „Deshalb brauchen wir eine gemeinsame Flüchtlings- und Integrationspolitik der Türkei und der EU. Aber davon sind wir weit entfernt.“

Zuletzt hat das Gerücht, dass die Türkei eine militärische Sicherheitszone in Syrien errichten wolle, um dort die syrischen Migranten zu internieren, die Fluchtwelle nach Europa zusätzlich anschwellen lassen. Davon hat auch die syrische Kurdin Abir Namo gehört, die am Istanbuler Busbahnhof auf die Nachricht wartet, dass die Türkei die Grenze nach Griechenland öffnet. „Wenn die Türken uns nicht nach Griechenland lassen, dann nehmen wir das Boot“, sagt sie. Ihre Schwester nickt. Beide Frauen glauben nicht, dass sie in ihrem Leben je wieder nach Syrien zurückkehren können. „Das Land ist zerstört, meine Kinder sind traumatisiert und brauchen Sicherheit. Wir wollen eine Zukunft, die es in Syrien für uns nicht mehr gibt“, sagt Abir Namo.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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