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Flüchtlinge Auf dem Mittelmeer fehlen die Retter

Die Hilfsorganisationen mussten in der vergangen Woche viele Flüchtlinge in Seenot retten.

Küstenwache
Der Einsatz der libyschen Küstenwache ist umstritten. Foto: rtr

Bis vor ein paar Tagen schien sich die Lage im Mittelmeer beruhigt zu haben. Deutlich weniger Flüchtlinge hatten in den vergangenen Monaten versucht, von Libyen aus auf Schlauchbooten Italien zu erreichen. Vergangenes Jahr schafften es laut Innenministerium in Rom knapp 120.000, ein Drittel weniger als noch 2016. Der stark rückläufige Trend setzte sich mit Jahresbeginn fort. 544 Migranten kamen in den ersten beiden Januarwochen von Libyen aus nach Italien. Das waren 74 Prozent weniger als im selben Zeitraum 2017.

Doch in dieser Woche hatten die Retter der Hilfsorganisationen und der italienischen Küstenwache, die mit ihren Schiffen in den internationalen Gewässern vor Libyen im Einsatz sind, plötzlich wieder alle Hände voll zu tun. Innerhalb von nur zwei Tagen retteten sie am Dienstag und Mittwoch 1617 Flüchtlinge aus zahlreichen Booten vor dem Ertrinken. Zwei Menschen konnten nur noch tot geborgen werden, darunter ein Kleinkind. Ein drei Monate altes Baby starb in der Nacht zu Donnerstag an Bord des Schiffes der spanischen Hilfsorganisation Proactive Open Arms, nachdem die Retter vergeblich auf einen Nottransport für das Kind an Land gewartet hatten.

Frachtschiffe müssen helfen

SOS Méditerranée, eine der drei Hilfsorganisationen, die noch im Einsatz sind, klagte nun, es gebe nicht genügend Rettungsschiffe vor der libyschen Küste. Seit Mittwoch müsse die zentrale Einsatzleitung der Küstenwache in Rom Frachtschiffe umleiten, damit sie Bootsflüchtlinge in Seenot aufnehmen. „Wir sind bis an unsere Grenzen ausgelastet“, sagte auch Julian Köberer, Leiter der aktuellen Mission der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch.

Die Zahl der Migranten und der Rettungseinsätze war zurückgegangen, seit vor Libyens Küsten Boote der libyschen Küstenwache patrouillieren. Deren Personal wird von der italienischen Marine ausgebildet und unterstützt. Die Insassen der abgefangen Boote werden nach Libyen zurückgebracht, in Lager. An Land verhindern zudem Milizen, dass sie überhaupt ablegen.

Was den plötzlichen Umschwung in dieser Woche verursacht hat, können sich bislang weder Hilfswerke noch die italienische Küstenwache erklären. Die Lage sei unberechenbar, sagte eine Sprecherin von SOS Méditerranée. Das UNHCR verwies darauf, dass zuletzt wieder Kämpfe in Tripolis aufgeflammt seien. „Die Menschen fliehen vor der Gewalt in Libyen“, erklärte die deutsche NGO Sea-Watch. „Obwohl wenige Rettungsorganisationen aktiv sind, wagen viele Menschen die Überfahrt.“

Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kamen allein in der ersten Januarhälfte 176 Migranten auf der zentralen Mittelmeerroute ums Leben. Die zivilen Seenotretter hatten ihre Arbeit eingeschränkt, nachdem sie im Sommer von der italienischen Regierung gezwungen wurden, einen „Verhaltenskodex“ zu unterzeichnen. Ihnen war vorgeworfen worden, teils mit Schleppern zusammenzuarbeiten. Eine italienische Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein. Ärzte ohne Grenzen weigerte sich, den Kodex zu unterzeichnen.

Inzwischen sind nur noch drei der ehemals acht Hilfsorganisationen mit Rettungsschiffen im Meer vor Libyen präsent. Die maltesische Organisation Moas gehört zu denen, die ihre Aktivitäten ganz ausgesetzt hat. „Es gibt kein Geld mehr, um sie zu finanzieren. Die Zahl unserer Förderer hat sich halbiert“, erklärte Moas-Gründerin Regina Catrambone. In Italien erhalten auch große Hilfswerke wie Ärzte ohne Grenzen, Save the Children und UNHCR nach den Vorwürfen um bis zu 20 Prozent weniger Spenden. Es habe einen deutlichen Stimmungsumschwung gegeben, bestätigte eine Sprecherin von SOS Méditerranée. Die Leute geben weniger Geld, in den sozialen Medien sei starker Gegenwind spürbar. In Deutschland sei das Phänomen weniger stark ausgeprägt, aber ebenfalls vorhanden.

Im italienischen Wahlkampf wird das Thema Migration trotz des Rückgangs der Flüchtlingszahlen instrumentalisiert. Zuletzt sorgte der Spitzenkandidat der rechten Partei Lega Nord in der Region Lombardei für Aufsehen und Proteste. „Wir müssen uns entscheiden, ob unsere weiße Rasse, unsere Gesellschaft weiter existieren oder ob sie ausgelöscht werden sollen“, hatte er gesagt.

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