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Fluchtursachen „Geld allein reicht nicht“

Ulrich Wagner, Koordinator bei der Hilfsorganisation Oxfam, spricht im Interview mit der FR über Migration aus Afrika und nötige politische Prozesse.

Migranten
„Die Menschen fliehen vor Krieg und Gewalt“, bringt es Ulrich Wagner auf den Punkt. Foto: rtr

Herr Wagner, warum ist der Migrationsdruck aus Afrika so groß?
Häufig sind die Menschen so verzweifelt über die Lage im eigenen Land, dass sie die Hoffnung verloren haben, dort irgendwann noch mal ein zufriedenstellendes Leben führen zu können. Das klingt banal, kommt aber eben häufig vor. Im Südsudan gab es beispielsweise immer wieder Phasen, in denen es neue Krisen und Kämpfe gab. Da haben viele Familien dann die bewusste Entscheidung getroffen, dass es für sie dort keine Zukunft mehr gibt. Sie können sich nicht mehr vorstellen, in ihrem Land ein menschenwürdiges Leben zu führen. Niemand flieht freiwillig. Die Verzweiflung treibt die Menschen an.

Welche Motive gibt es noch?
In vielen afrikanischen Familien gibt es eine Art Generationenprinzip. Die Eltern investieren in Bildung und Erziehung ihrer Kinder und sparen Geld, damit der Sohn oder die Tochter im Ausland, beispielsweise Uganda, studieren und einen guten Beruf erlernen kann. Im Gegenzug kümmern sich die Kinder später um die Eltern, wenn die älter sind. Selbst in Phasen, in denen die Leute kaum zu essen und zu trinken haben, haben Bildung und Erziehung immer noch eine große Priorität. Wenn die Menschen von uns finanziell unterstützt werden, wird oft ein Teil des Geldes in die Bildung der Kinder investiert. Dieses Prinzip und das Ziel, den Kindern einen Aufstieg zu ermöglichen, ist durchaus ein Motiv dafür, dass die Menschen nicht nur ins Nachbarland gehen, sondern auf andere Kontinente.

Um zu verhindern, dass die Menschen kommen, sollen Fluchtursachen bekämpft werden. Hilft mehr Geld, die Probleme zu lösen?
Nein, Geld allein reicht nicht. In der Regel müssen auch politische Prozesse angestoßen werden. Es geht darum, längerfristige Lösungen für politische Probleme zu finden. Die Menschen fliehen vor Krieg und Gewalt. Um hier einen Friedensprozess anstoßen zu können, braucht es Verhandlungen und Diskussionen. Da sind die Regierungen der Staaten in der Verantwortung, aber auch die Zivilgesellschaft, die in die Dialoge eingebunden werden muss.

Wie sieht es mit der Handelspolitik aus? Wie groß ist das Problem, dass importierte Waren die lokale Wirtschaft in Afrika zerstören?
So, wie das Handels- und Wirtschaftssystem im Moment aufgebaut ist, gibt es definitiv Bereiche, in denen die lokale Bevölkerung benachteiligt wird. Das muss gar nicht mal die Landwirtschaft sein, es geht dabei zum Beispiel auch um die gebrauchte Kleidung, die in Europa nicht mehr getragen wird. Die wird industriell importiert und beispielsweise im Kongo billig verkauft. Ich will nicht sagen, dass das per se schlecht ist. Aber wenn so viel billige Kleidung vorhanden ist, muss natürlich nicht mehr so viel hergestellt werden. Ein ganzer Wirtschaftszweig existiert also nur noch rudimentär.

Heißt das, die europäischen Staaten haben sich die Flüchtlingsbewegung selbst zuzuschreiben, weil sie die Wirtschaft zerstören?
Das ist meiner Einschätzung nach zu vereinfacht. Solche Faktoren können definitiv dazu beitragen, dass es schwieriger wird, sich vor Ort eine Existenz aufzubauen. Aber die Hauptfaktoren sind die Unsicherheit, die Kriege und die Gewalt, die in vielen Ländern herrschen. Die Menschen wünschen sich als allererstes Sicherheit, Schutz und Stabilität. Das sind die entscheidenden Faktoren, die Flüchtlingsbewegungen schaffen.

Wie viele Menschen könnten sich noch auf die Reise machen?
Das kann man nicht beziffern. Aber die europäischen Staaten könnten sich darauf vorbereiten, indem sie verschiedene Szenarien entwerfen: Welche Konfliktherde gibt es im Moment, welche Lösungsprozesse sind im Gange und wie erfolgsversprechend sind sie? So gehen wir bei Oxfam auch an die Sache heran. Das könnte dabei helfen, zu wissen, worauf sich Europa einstellen muss.

Interview: Ruth Herberg

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