Lade Inhalte...

Flucht und Asyl Die Welt mit anderen teilen

Die Politologin Seyla Benhabib zur Flüchtlingsdebatte in Deutschland, Europa, der Welt - und warum wir instinktiv nach alten Ideen greifen, auch wenn sie gescheitert sind.

Sardinenbüchsenspielzeug in Nigeria
Sardinenbüchsenspielzeug im Flüchtlingslager Rann, Nigeria. Foto: afp

In den USA, aber auch in Deutschland reagieren Politiker auf das Flüchtlingsthema, indem sie Lager errichten, etwa die sogenannten Rückführungszentren, die Seehofer plant. 
Das ist ein Alptraum, der nicht vergeht, und das hat viel mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Instinktiv greifen die Leute auf Lösungen zurück, die es schon einmal gegeben hat. Lager sind Relikte einer schlechten Vergangenheit. Aber sie sind schon damals gescheitert. Man hat nichts aus der Geschichte gelernt. Man weiß, dass Lager Kriminalität und Ausbeutung schaffen und überhaupt keine Lösung sind. 

Es kommt einem fast so vor, als stamme die Genfer Konvention aus dem Jahr 1951 aus einer besseren oder einfacheren Zeit. 
Sie war nicht einfacher, aber die Genfer Konvention ist zu einer Zeit konzipiert worden, als das Modell des Flüchtlings der politische Dissident war sowie Menschen, die aus rassistischen Gründen verfolgt wurden. Das war die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs. In der Konvention gibt es sechs geschützte Kategorien von Verfolgten. Sie ist später erweitert worden zum Beispiel auch auf Frauen, die von Genitalverstümmelung bedroht sind. Derzeit wird diskutiert, ob Opfer von Klimakatastrophen ein Recht auf Asyl haben sollen. 

Sie haben einmal gesagt: „Wir müssen die Welt mit anderen teilen.“ Was bedeutet dieses Wort „teilen“ für Sie?
Das ist eine alte Idee. Ich beziehe mich auf den Kosmopolitismus. Von faschistischen Bewegungen ist er fälschlicherweise als Entwurzelung interpretiert worden. Aber der Begriff ist in der Antike entstanden. Er beruht auf der Idee, dass der Kosmos größer ist als die Polis. Der Kosmopolit war derjenige, der auf die Welt geschaut hat und nicht nur auf die eigene Stadt. Er hat sogar die eigene Stadt auf der Basis dieses Blicks auf die Welt kritisiert. Die Welt mit anderen zu teilen, geht auf die Idee einer Weltbürgerschaft zurück, und zwar im metaphorischen Sinn. Ich glaube auch an das Konzept des Bürgers einer begrenzten Entität. Aber das muss nicht unbedingt ein Nationalstaat, es kann auch eine Stadt oder eine Region sein. Kant, mein Lieblingsphilosoph im 18. Jahrhundert, sagte, der Globus sei etwas, das wir mit anderen teilen müssen. Die Frage ist natürlich immer, in welcher Form das geschieht. Seit zwei Jahrhunderten leben wir in einem System von Nationalstaaten. Das ist nicht immer so gewesen und wird nicht immer so sein. Was danach kommt, und ob die Demokratie außerhalb dieser Nationalstaatlichkeit bestehen bleibt oder nicht – das sind die großen philosophischen Fragen.

Interview: Susanne Lenz

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen