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„Day Orange“ Protest gegen Rechtsruck und Ausgrenzung

Tausende folgen den Aufrufen der Initiative „Seebrücke“. Ist das der Start einer neuen Bewegung gegen rechts?

Demo Seebrücke
Frankfurt soll gerettete Flüchtlinge aus dem Mittelmeer aufnehmen, forderten Demonstranten Anfang Juli. Auch an diesem Samstag ist wieder ein „Day Orange“. Foto: Michael Schick

Irgendwann hatte Timo Peters genug. Als das Rettungsschiff „Lifeline“ mit 230 Flüchtlingen an Bord im Mittelmeer festsaß, als darüber diskutiert wurde, ob man Ertrinkende eigentlich retten sollte und der deutsche Innenminister über 69 abgeschobene Flüchtlinge zu seinem Geburtstag scherzte, da war Peters Teil einer Telegram-Gruppe, die all das nicht mehr akzeptieren wollte.

„Es gab generell eine Verzweiflung darüber, was immer mehr gesagt werden kann und auch gesagt wird. Dass sogar Minister öffentlich menschenverachtende Positionen vertreten. Da dachten wir uns: Gott, was passiert da grade?“, sagt der 28-Jährige, der aus Wismar stammt.

Aus der Chat-Gruppe heraus entstand die „Seebrücke“. Das zivilgesellschaftliche Netzwerk versteht sich als Bewegung und bietet eine Plattform für Menschen, die ein Zeichen gegen den Rechtsruck und für Menschenrechte und eine humane Flüchtlingspolitik setzen wollen. Gearbeitet wird dezentral nach dem Motto: Jeder, wie er kann. Jeder, wie er will.

Privatpersonen organisieren Mahnwachen, Filmvorführungen, Podiumsdiskussionen und Demonstrationen, über die Homepage und Facebook-Seite der Seebrücke werden sie angekündigt und verbreitet. So hat das Netzwerk laut Peters seit Anfang Juli 70.000 Menschen in 110 Aktionen deutschlandweit auf die Straße gebracht, viele davon kommen in Rettungswesten oder orangefarbenen Shirts, als Zeichen der Solidarität mit Bootsflüchtlingen.

Gegen einen Kurs der Abschottung

Die Seebrücke wendet sich mit ihren Kernforderungen nicht nur gegen rechtspopulistische Parteien, sondern gegen den Kurs der Abschottung, den die EU seit langem verfolgt. Hafenschließungen durch Italien und Malta und die Pläne für Auffangzentren in nordafrikanischen Ländern verschärfen die Situation noch. So forder die Seebrücke die Freigabe der blockierten Rettungsschiffe und –flugzeuge im Mittelmeer, die Gewährleistung sicherer Fluchtwege nach Europa, eine menschenwürdige Aufnahme von Flüchtlingen in Europa, faire Asylverfahren und den Stopp von Hass und Hetze.

Für diesen Samstag hat die Initiative den „Day Orange“ ausgerufen. 36 Kundgebungen in ganz Deutschland sind auf der Homepage bereits angekündigt. In Köln sollen die Rheinbrücken in orangefarbenes Licht getaucht, in Frankfurt Hunderte selbst gebastelte orangefarbene Schiffchen in den Brockhaus-Brunnen gesetzt werden, im hessischen Niederkaufungen will eine Künstlergruppe eine Brücke bauen.

Noch am Freitagnachmittag trudelten ständig neue Anfragen ein, sagt Peters. Wie viele Teilnehmer er erwartet? „Das kann ich nicht einschätzen. Letztes Mal haben wir in Berlin mit 700 gerechnet und es kamen 12.000.“ Deutschlandweit seien es an diesem Tag sogar 21.000 Teilnehmer gewesen.

„Wir haben offensichtlich einen Nerv getroffen“, sagt Peters zufrieden. Bei vielen Menschen hätten angesichts der fremdenfeindlich geprägten Diskussionen in der Öffentlichkeit wohl Ohnmacht und Lethargie vorgeherrscht. „Die Seebrücke gibt ihnen die Möglichkeit, sich wieder einzusetzen für eine Welt, in der wir gerne leben möchten.“

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