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Bamf-Affäre um Cordt Frau mit eisernen Nerven

Jutta Cordt muss heute in Berlin Rede und Antwort zur Affäre um falsche Asyl-Bescheide stehen - ein Porträt der Bamf-Chefin, die sich in der Öffentlichkeit gern rar macht.

Bamf-Chefin Cordt in Bremen
Eine Frau mit großer Verantwortung: Jutta Cordt. Foto: dpa

Es wirkt wie eine Szene aus besseren Zeiten. Als der neue Innenminister Horst Seehofer Anfang April zum Antrittsbesuch in die Zentrale des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg reist, findet er nur lobende Worte für die Arbeit der riesigen Behörde und ihrer Chefin Jutta Cordt. Mehrere Stunden spricht Seehofer mit der Präsidentin des Bamf, mit Abteilungsleitern und Personalräten. „Das Amt hat eine Schlüsselfunktion bei der Bewältigung der Migration“, sagt er an diesem milden Frühlingstag in Nürnberg, und dass er in seinen Gesprächen einen sehr guten Eindruck von der Behörde gewonnen habe.

Cordt tritt nüchtern auf, das ist ihr Stil. Wie stets perfekt gekleidet, im schmalen Kostüm und mit Perlenkette, wirkt sie winzig neben Seehofer. Seit Anfang 2017 ist sie die Chefin der Behörde, die in einer riesigen ehemaligen SS-Kaserne am Südrand der Nürnberger Innenstadt untergebracht ist. Sie habe dem Minister einen Lagebericht gegeben, sagt sie, und dass die Kollegen des Bundesamts gute Voraussetzungen geschaffen hätten für die Herausforderungen der nächsten Jahre. Sie weiß zu diesem Zeitpunkt längst, dass in der Bremer Außenstelle eine Bombe tickt. Wenige Wochen später wird bekannt, dass dort vermutlich rund 1200 Menschen zu Unrecht Asyl erhalten haben.

Sondersitzung vor dem Innenausschuss des Bundestags

Gegen die frühere Leiterin der Außenstelle und mehrere weitere Personen ermittelt mittlerweile die Staatsanwaltschaft, der Skandal zieht schnell Kreise und erreicht auch die Politik. Cordt gerät zusehends unter Druck, bald kommen die ersten Rufe nach ihrer Ablösung, weil sie trotz früher Hinweise nicht schnell und entschlossen genug gehandelt habe. Der Vorwurf der Vertuschung steht im Raum. An diesem Dienstag muss Cordt mit ihrem obersten Dienstherrn in einer Sondersitzung vor dem Innenausschuss des Bundestags aussagen, und man kann davon ausgehen, dass es keine angenehmen Stunden werden.

Dabei gilt die 54-Jährige als Frau mit eisernen Nerven und mindestens ebenso eisernem Durchsetzungsvermögen. „Meine Aufgabe wird sein, die Behörde so auszurichten, dass wir krisenfest sind“, sagt sie bei ihrem Amtsantritt. Einstige Mitarbeiter in der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg beschreiben Cordt als leistungsorientiert und immer gut vorbereitet, aber auch wenig zimperlich. Sie ist die erste Frau, die das Bamf mit seinen Tausenden von Mitarbeitern leitet.

Das Bamf auf Effizienz getrimmt 

Den Weg bereitet hat ihr ihr Vorgänger Frank-Jürgen Weise. Die beiden kennen sich seit vielen Jahren. Weise hatte das Amt während seiner größten Krise von 2015 an in Personalunion mit der Bundesagentur für Arbeit geführt. Und er hatte einen klaren Auftrag: aufräumen und dafür sorgen, dass die Verfahren angesichts der Hunderttausenden von Asylanträgen beschleunigt wurden. Auch der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hielt Cordt für eine gute Wahl, er schenkte ihr einen Kompass zum Dienstbeginn. Cordt, die aus dem Ruhrgebiet stammt, bringt viel Erfahrung mit, sowohl als Verwaltungsjuristin als auch als Führungskraft.

Sie hat ihre Karriere bei der Bundesagentur für Arbeit in Nordrhein-Westfalen begonnen, als die noch Arbeitsamt hieß. Cordt arbeitete dann in der ganzen Republik, leitete später die Regionalniederlassungen in Sachsen und Berlin. Im Oktober 2016 wird sie Vizepräsidentin des Bamf, um wenige Monate später an die Spitze aufzurücken. Eine unmögliche Mission, das glauben viele, schließlich steht kaum eine Behörde in Deutschland derart unter Druck. Cordt traut sich die Aufgabe zu.

Weise hat ihr ein umstrittenes Erbe hinterlassen. Er hat das Bamf zwar auf Effizienz getrimmt und viel Personal eingestellt, damit aber die langjährigen Mitarbeiter in Aufruhr versetzt. Viele der Neuen sind kaum qualifiziert für die Aufgabe. Es kommt zu Pannen und Fehlentscheidungen, die gravierendste ist der Fall Franco A. Wie beim Bremer Skandal war Cordt damals noch nicht im Amt, als Chefin muss sie trotzdem die Verantwortung übernehmen. Aber sie kann auch auf Erfolge verweisen. Heute dauert ein Asylverfahren nur noch durchschnittlich drei Monate, und auch der Berg an Altanträgen ist sehr viel kleiner geworden. Cordt hat auch ein neues Qualitätsmanagement eingeführt. Aber reicht das? Die öffentliche Debatte wird erregt geführt, es wird mehr Kontrolle und mehr Qualität gefordert.

Cordt selbst ist zurückhaltend im Umgang mit der Öffentlichkeit, sie gibt kaum Interviews und tritt nur selten vor die Presse. Die gesamte Behörde ist nach wie vor schwerfällig in ihrer Kommunikation nach außen, immer wieder stechen Mitarbeiter Informationen durch. Es gibt viele, die Cordt auch wegen ihres hierarchischen Führungsstils fürchten. Dass sie Josefa Schmid, die vorübergehend als Dienststellenleiterin nach Bremen geholt wurde, wieder nach Bayern zurückversetzen ließ, hat ihr ebenfalls wenig Sympathien eingebracht. Schmid ist überzeugt, dass sie ruhiggestellt werden sollte. Cordt sagt dazu bei einem Auftritt in Berlin lapidar, es sei im Beamtenrecht ganz normal, dass befristete Besetzungen wieder beendet werden.

Jutta Cordt ist oft in Berlin in letzter Zeit, auch dem Innenausschuss musste sie Ende April schon einmal Rede und Antwort stehen über die Vorfälle in Bremen. Die Sitzung findet hinter verschlossenen Türen statt. Nach drei Stunden kommt Cordt mit versteinerter Miene heraus, die Abgeordneten haben es ihr nicht erspart, erst die Tagesordnung durchzuarbeiten. Cordt muss warten, bis sie dran ist, dabei drängt die Zeit. Sie sagt kein Wort, nachdem sie den Saal im Paul-Löbe-Haus verlassen hat. Sie fährt weiter zum nächsten Termin nach Leipzig.

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