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Ankerzentren Aufnahmezentrum Bamberg: 20 Leute, ein Klo, keine Privatsphäre

Die Aufnahmeeinrichtung Oberfranken für Flüchtlinge in Bamberg hat für Seehofer Modellcharakter für die geplanten Ankerzentren. Für Betroffene und deren ehrenamtliche Helfer ist sie vor allem eines: unmenschlich.

06.07.2018 11:12
Aufnahmeeinrichtung_Oberfranken
Die eingezäunte Aufnahmeeinrichtung Oberfranken in Bamberg Foto: epd-bild/Pat Christ

Nachts joggt Andrew (Name geändert). Wenn sich die anderen zur Ruhe begeben haben, wenn sie versuchen zu schlafen, wenn er niemanden mehr hat, mit dem er reden kann, schnürt Andrew seine Laufschuhe. Er läuft im „Camp“, wie die Flüchtlinge die Aufnahmeeinrichtung Oberfranken in Bamberg nennen. Oder er läuft aus dem Camp hinaus in die Stadt. Andrew läuft seinen Gedanken davon: „Ich kann schon lange nicht mehr ohne Licht einschlafen.“

Ehemaliges Gelände der US-Army

Andrew ist einer von rund 1.400 Menschen, die in der Aufnahmeeinrichtung auf einem ehemaligen Gelände der US-Army leben. Seit zwei Jahren ist das Camp nicht nur Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber, sondern auch Ankunftszentrum. Deshalb ist in Bau C auf dem Gelände in der Buchenstraße eine Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge untergebracht. Das Asyl-Team des Bamberger Amts für soziale Angelegenheiten, das Verwaltungsgericht und die Zentrale Ausländerbehörde befinden sich ebenfalls auf dem riesigen Gelände.

Damit kommt die Aufnahmeeinrichtung der Idee von „Ankunfts-, Entscheidungs- und Rückführungszentren“ des Bundesinnenministeriums so nahe, dass sie als Modell für die sogenannten Ankerzentren dient. Bald soll sie offiziell ein Ankerzentrum sein. Anfang Juni beschloss das bayerische Kabinett, dass in jedem Regierungsbezirk solch ein Zentrum geschaffen werden soll. Bis zum 1. August soll es eine entsprechende Vereinbarung mit dem Bund geben. Zwischen 1.000 und 1.500 Personen sollen jeweils in den Zentren untergebracht sein.

Andrew lebt seit sieben Monaten in der Aufnahmeeinrichtung. Er floh aus Nigeria - einem Land, in dem die Terrormiliz Boko Haram einen blutigen Kampf gegen Regierung und Volk führt. Er sei gefangen genommen worden und habe versucht, zu fliehen, erzählt Andrew. Da hätten sie auf ihn geschossen. Andrew hält kurz seine linke Hand hoch. Drei Finger fehlen. Die mussten nach der Schießerei amputiert werden. Wird es stockdunkel um ihn, sieht Andrew immer wieder diese Szenen.

Nachts kommt die Polizei

Viele, die in der Aufnahmeeinrichtung leben, kommen nachts nicht zur Ruhe. Denn nachts kommt die Polizei. Schätzungsweise einmal in der Woche fährt ein Polizeiauto ins Camp und holt einen der Bewohner ab, berichtet Mirjam Elsel, Pfarrerin in Hirschaid-Buttenheim und Koordinatorin für die Arbeit mit Flüchtlingen im Dekanatsbezirk Bamberg. „Bis vor kurzem geschah das sogar mit Blaulicht, so dass es wirklich jeder in der Aufnahmeeinrichtung mitbekommen hat“, erzählt sie. Dagegen hatten Flüchtlingsorganisationen protestiert. Ob sie es jetzt anders machen, weiß Elsel nicht. Sie ist nachts nicht im Camp.

Die Pfarrerin ist meist nur dann in der Einrichtung, wenn sie einen Flüchtling, der bei ihr in der Kirchengemeinde lebt, zur Zentralen Ausländerbehörde im Camp begleitet. Auch dann kommt die Pfarrerin nicht einfach so in die Einrichtung hinein. Sie muss ihren Pass abgeben und wird von der Security begleitet.

Journalisten ist der Zutritt verwehrt. Besuche von Pressevertretern seien nur bei Sammelterminen möglich, erklärt die Bezirksregierung von Oberfranken. Termine dafür werden immer erst kurz vorher bekanntgegeben. Und der Tross ist dann meist so groß, dass intensive Gespräche oder Einzelgespräche mit Asylsuchenden kaum möglich sind. Als „Safari“ bezeichnen einige Teilnehmer des Pressetermins die Art und Weise des Rundgangs. Der Evangelische Pressedienst (epd) hat deshalb auf die Teilnahme an einem solchen Termin verzichtet.

Auch Mirjam Elsel ist gehalten, mit den Geflüchteten nur zu den Behörden zu gehen: „Dass wir Leute in ihren Wohnungen besuchen, wird nicht gern gesehen.“ Aber natürlich war die Pfarrerin schon manchmal in den Wohnungen. Sie sind etwa 100 Quadratmeter groß, meist mit einem sehr großen Zimmer, in dem oft sechs bis sieben Leute leben.

„Die Küchen haben sie überall ausgebaut“, sagt Elsel. Die Menschen können sich also dort kein Essen zubereiten. Erst habe die Regierung durchsetzen wollen, dass überhaut keine Lebensmittel in den Wohnungen sein dürfen, erzählt Elsel. Das habe sie aber wieder aufgegeben. Denn die Kinder haben auch dann Hunger, wenn die Kantine geschlossen hat.

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