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Finanzkrise Occupy-Bewegung endgültig verstummt

Sie war eine Bewegung wie das Internet selbst: Ohne Hierarchien, ohne Zentrale, ohne die traditionellen Strukturen einer politischen Organisation. Jetzt hat die Polizei in Washington das letzte Occupy-Camp geräumt - und kaum jemand nimmt Notiz davon.

08.02.2012 10:00
Von Andreas Geldner
Polizei räumt das Occupy-Camp am McPherson Square in Washington, DC. Foto: afp

Ein wenig war es wie beim Formatieren der Festplatte Format C:\\ – die Polizei hat sauber aufgeräumt. In einer geräuschlosen Aktion sind jetzt in der US- Hauptstadt Washington die beiden nur noch dünn bevölkerten Protestcamps der Occupy-DC-Bewegung geräumt worden. Eine Handvoll Zelte, jede Menge Müll und ein paar tote Mäuse und Ratten wurden auf zwei der letzten besetzten Plätze in den USA eingesammelt – und dem Häuflein Protestierer die Auflage erteilt, dass sie nur für Mahnwachen bleiben dürfen.

Über die lokalen Meldungen der Washington Post hinaus nahm fast niemand davon Notiz. Selbst die größte Randale in der kurzen Geschichte der Protestbewegung, die Ende Januar im kalifornischen Oakland zu einigen Hundert Festnahmen führte, schaffte es kaum auf die Titelseiten.

In Washington war zuletzt die Zahl jener jungen Leute, die das Geschehen mit ihren Handys filmten, oft so groß wie die der Aktivisten. Und genau diese in die Luft gehaltenen Smartphones stehen für die Schlüsselfrage angesichts der ersten sozialen Bewegung der USA, die nach den Spielregeln des Internetzeitalters funktionierte. Was war an „Occupy Wall Street“ real – und was virtuell?

Wie viele waren wirklich dabei?

Es gibt niemanden, der je seriös addiert hat, wie viele Menschen seit dem vergangenen Herbst an den Kundgebungen für mehr soziale Gerechtigkeit teilgenommen haben. Am Ursprungsort New York mochten es öfter ein paar Tausend sein, doch andernorts kamen die Teilnehmerzahlen selten über wenige hundert hinaus.

Das schien die Protagonisten nicht zu stören: Entscheidend war die kommunikative Vernetzung. Schnell gab es Webseiten, in denen die Besetzungen im ganzen Land aufgelistet waren. Noch die kleinste Demo sorgte für einen Punkt auf der virtuellen Landkarte und suggerierte Dynamik.

Occupy war eine Bewegung wie das Internet selbst: Ohne Hierarchien, ohne Zentrale, ohne die traditionellen Strukturen einer politischen Organisation. Kurze Kommunikationswege machten jederzeit spontane Aktionen möglich. Videos vom aggressiven Verhalten der Polizei konnten Minuten nach dem Geschehen um die Welt gehen. Doch es war auch eine Revolution der Zuschauer und der Gefällt-mir-Buttons, die stärker auf die Wahrnehmung baute als auf die Aktion.

Und damit lag sie im Trend. Politische Entwicklungen misst etwa die Washington Post inzwischen mittels der Erwähnungen bestimmter Stichworte auf dem Informationsnetzwerk Twitter. „Mentionmachine“, also Erwähnungsmaschine heißt das Programm. Der Politiker oder die Protestbewegung, über die viel geredet wird, wird so automatisch wichtig. Nach dieser Zählung war Occupy Wall Street sehr erfolgreich. Die Bewegung verbreitete sich sozusagen viral. Und das machte ihre Faszination aus.

Das Bild von der "Twitter-Revolte"

Schon bei der gescheiterten grünen Revolution im Iran vor zwei Jahren zeichneten die US-Medien das Bild einer „Twitter-Revolte“. Ein Aufstand in Kurznachrichten – angesichts der Macht der Gewehrläufe war diese Vorstellung absurd. Doch das Muster wiederholte sich in Ägypten, wo in den USA, dem Mutterland von Google und Facebook, vor allem faszinierte, wie junge, urbane Eliten diese Instrumente nutzten. Im eigenen Land sah man die Analogie. Bis hin zu US-Präsident Obama nahm die Politik das Schlagwort Occupy bereitwillig auf – für ihre eigene Agenda.

Die Bewegung blieb konkrete Forderungen schuldig. Lag es nur an der Aversion gegen Autoritäten? Oder lag diese Schwäche nicht schon in der Art und Weise, wie man den Protest definierte – als Aktion, für die der virtuelle Raum mindestens so wichtig war wie das praktische Geschehen?

Der Vergleich mit der Tea-Party-Bewegung ist aufschlussreich. Diese Protestbewegung wird stärker von der älteren Generation getrieben. Sie hat zwar ebenfalls das Web benutzt. Aber sie hat Twitter-Erwähnungen oder Medienberichterstattung eh nie als wichtigsten Hebel gesehen. Hartnäckig zeigen deren Unterstützer auch Präsenz bei Versammlungen, Abgeordnetensprechstunden, Parteisitzungen und immer wieder bei zentralen Demonstrationen vor dem Kapitol selbst.

Wer hingegen heute die Internetseite Occupy Together aufschlägt, weiß weltweit, was jedes Grüppchen auf dem Globus vorhat. Fast 3000 Anlaufadressen stehen im Internet zur Auswahl. Doch jenseits des Zuccotti-Parks in Manhattan, der nun seit Wochen geräumt ist, fand die Bewegung keinen Kristallisationspunkt. Sie blieb ein dezentraler Protest von Individuen, die sich zwar durch moderne Kommunikationsmittel spontan vernetzen – doch die auch schnell wieder in die Unverbindlichkeit abtauchen.

„Das Paradox von Reformbewegungen ist die Tatsache, dass man nicht allein für sich selbst denken sollte, wenn man die Autoritäten herausfordern will“, schrieb der Publizist David Brooks in der New York Times: „Eine effektive Rebellion bedeutet nicht nur, seine persönlichen Gefühle auszudrücken. Es bedeutet auch, bestehende Autoritäten und Institutionen durch bessere Autoritäten und Instititutionen zu ersetzen.“

Was zunächst die Aufmerksamkeit beschleunigte, hat langfristig nicht zur Entwicklung durchschlagskräftiger Strukturen geführt. Wenn dies die neue Form sozialen Protests ist, dann braucht sich das von Occupy attackierte, mächtige eine Prozent keine Sorgen zu machen.

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