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Feuertod des Asylbewerbers Oury Jalloh Gutachten stützt Mord-These

Im Fall "Oury Jalloh" sorgt ein unabhängiges Gutachten für Aufsehen. Der Asylbewerber war im Januar 2005 in einer Zelle in einer Dessauer Polizeistation verbrannt. Eine Nachstellung zeigt, dass Verkohlungen wie an Jallohs Körper nur durch die Verwendungen von fünf Litern Brandbeschleunigern möglich war.

12.11.2013 16:59
Von Kathy Stolzenbach
Ein Foto und Blumen liegen zum Gedenken an Oury Jalloh am 07.01.2010 vor einer Polizeistation in Dessau-Roßlau. Foto: dpa

Im Fall "Oury Jalloh" sorgt ein unabhängiges Gutachten für Aufsehen. Der Asylbewerber war im Januar 2005 in einer Zelle in einer Dessauer Polizeistation verbrannt. Eine Nachstellung zeigt, dass Verkohlungen wie an Jallohs Körper nur durch die Verwendungen von fünf Litern Brandbeschleunigern möglich war.

Die „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ will die Untersuchungen über die Brandursache des Feuertodes des Afrikaners Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeistation neu aufrollen. Am Dienstag präsentierten die Freunde das Gutachten eines irischen Sachverständigen. Danach konnte sich der im Januar 2005 auf einer schwer entflammbaren Matratze an Händen und Füßen gefesselte Asylbewerber nicht selbst entzünden.

Eine Nachstellung der Ereignisse habe gezeigt, dass Jalloh das Feuer nicht selber gelegt haben könne, sondern in der Polizeizelle etwa mit Benzin übergossen und angezündet worden sein müsse, sagten Vertreter der Initiative am Dienstag in Berlin.

Strafanzeige wegen Totschlag oder Mord

Mitglieder der Initiative und Freunde von Jalloh zeigten ein Video, in dem sie zusammen mit dem irischen Brandgutachter Maksim Smirnou die Polizeizelle in Dessau nachgebaut die Ereignisse nachgestellt hatten. Sie fesselten Schweinekadaver auf schwer entflammbaren Matratzen und führten verschiedene Versuche mit und ohne Brandbeschleuniger durch. Eine derartige Verkohlung des Körpers bis in die tiefen Muskelschichten hinein und eine fast vollständige Zerstörung der Matratze, wie es bei Jalloh der Fall war, seien nur durch die Verwendung von fünf Litern Brandbeschleuniger wie Benzin möglich, erklärte der Brandgutachter.

Zugleich stellte die Initiative bei der Generalbundesanwaltschaft Strafanzeige wegen Totschlag oder Mord gegen „unbekannte Polizeibeamte“. Sie begründete den Schritt mit mangelndem Vertrauen in die Justiz Sachsen-Anhalt. Zudem sei die innere Sicherheit der Bundesrepublik betroffen, sollte sich der Tatverdacht erhärten.

Wegen der ungeklärten Todesumstände gab es bereits zwei Gerichtsverfahren vor den Landgerichten Dessau und Magdeburg. Dabei sind Fragen zum Hergang offen geblieben. In der zweiten Hauptverhandlung in dem Fall war vom Landgericht Magdeburg im Dezember 2012 der Polizist Andreas S. wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 10 800 Euro verurteilt worden. Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Nebenklagevertretung haben dagegen Revision eingelegt. Zuständig dafür ist der Bundesgerichtshof (BGH).

"Rechtsstaatliche Aufklärung boykottiert"

In der Strafanzeige der Initiative an Generalbundesanwalt Harald Range heißt es, bei den beiden Gerichtsverfahren sei eine tatsächliche Rekonstruktion von Brandentstehung und -verlauf nie zugelassen worden. Polizei, staatsanwaltliche Ermittlungsorgane und die Justiz Sachsen-Anhalts hätten eine rechtstaatliche Aufklärung des Falles boykottiert.

Der Sprecher der Initiative, Mouctar Bah, begründete die Wahl eines ausländischen Brandsachverständigen mit dem fehlenden Vertrauen in deutsche Brandexperten, die mit den Justizbehörden eng zusammenarbeiteten und von ihnen abhängig seien. Es gehe einfach darum, „herauszubekommen, was da passiert ist“, selbst wenn das Ergebnis lauten würde, dass sich Oury Jalloh selbst angezündet hat, sagte Bah.

Der Dessauer Oberstaatsanwalt Folker Bittmann sprach von „sehr ernsten, überraschenden und zum Teil erschreckenden Informationen“. Voraussichtlich müsse jetzt ein neues Gutachten durch die Ermittlungsbehörden erstellt werden. Er wies Vorwürfe zurück, dass die Ermittler absichtlich Erkenntnisse ignoriert hätten. Die Justiz hatte bisher keine Anhaltspunkte für eine Fremdbeteiligung am Tod des Asylbewerbers im Januar 2005 gefunden. Die genauen Umstände des Feuers konnten nie zweifelsfrei festgestellt werden. (mit dpa/epd)

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