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Ferguson Schwarze Bevölkerung, weiße Polizei

Nach der Entscheidung, den Todesschützen von Ferguson nicht anzuklagen, weiten sich die Proteste auf das ganze Land aus. Der US-Experte Christian Lammert spricht im Interview über die strukturelle Benachteiligung der Schwarzen in den USA.

Die Straßen brennen in Ferguson. Foto: REUTERS

Herr Lammert, 50 Jahre nach Martin Luther King und der Bürgerrechtsbewegung seien die USA noch immer ein zutiefst rassistisches Land, sagt der schwarze Bürgerrechtsaktivist Jesse Williams. Stimmen Sie ihm zu?
Vielleicht nicht in dieser harschen Form. Aber wenn man sich viele Daten anschaut – etwa die großen Unterschiede beim Haushaltseinkommen von Weißen im Vergleich zu Schwarzen, oder bei der Wahrscheinlichkeit, im Gefängnis zu landen – so gibt es immer noch große grundlegende Integrationsprobleme in den USA, die man auch mit dem Begriff des Rassismus beschreiben könnte und über die diskutiert werden muss. Aber es hat sich auch viel getan seit den 1960er Jahren und der Bürgerrechtsgesetzgebung.

In Obama haben viele Schwarze große Hoffnungen gesetzt. Hat seine Amtszeit etwas gebracht?
Sicherlich. Obama ist zwar nie explizit als schwarzer Präsident aufgetreten, das wäre vielleicht auch eine falsche Strategie gewesen. Aber er hat immer versucht zu vermitteln und die Probleme immer deutlich angesprochen. Er hat so einiges in der öffentlichen Diskussion bewegt. Auch dass wir in den USA jetzt so breite Debatten über Rassismus sehen, ist sicher eine Folge dessen. Die materielle Situation vieler Schwarzer hat sich durch die Amtszeit Obamas aber wenig verbessert.

Bei den Protesten in Ferguson und anderswo wird deutlich, dass sich vor allem junge, männliche Schwarze der Polizei gegenüber wie Freiwild fühlen. Was müsste geschehen, um daran etwas zu ändern?
Das sind zwei Sachen, die sich hier überschneiden. Das eine ist, dass wir in den USA seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eine Militarisierung der Polizei sehen. Und zum anderen haben wir – und da ist Ferguson geradezu ein Paradebeispiel – selbst in Regionen, die hauptsächlich mit Schwarzen bevölkert sind, eine hauptsächlich weiße Polizei. Und das führt immer wieder zu Spannungen. Man müsste daher versuchen zu erreichen, und darüber wird auch schon diskutiert, dass Schwarze stärker im Polizeidienst repräsentiert sind, um diesen Konflikt zu entschärfen. Und nicht nur dort, sondern auch in den lokalen Verwaltungsstrukturen, den Gerichten und auf der Ebene der politischen Entscheider.

Wie groß das Problem ist, zeigt auch hier ein Blick in die Statistik …
Genau. Von den 25- bis 34-jährigen schwarzen Männern ohne Schulabschluss landet in den USA jeder dritte im Gefängnis. Bei den Weißen sind das weniger als fünf Prozent. Und das liegt nicht daran, dass die Schwarzen krimineller sind, sondern dass bestimmte Straftaten in der Gesetzgebung massiv kriminalisiert worden sind und zugleich der Wohlfahrtsstaat so zusammengekürzt worden ist, dass diese Bevölkerungsgruppe davon besonders betroffen war.

Welche Rolle spielt in der ganzen Rassismus-Debatte die Diskussion über illegale Einwanderer?
Bei der Diskussion über Immigration geht es vor allem um Hispanics. Diese Gruppe hat politisch eine ganz andere Bedeutung in den USA für die beiden Parteien – und das hat auch Auswirkungen darauf, mit welchem Elan sich die Politik an möglichen Lösungsvorschlägen versucht. Die Hispanics sind als Wählergruppe auch für die Republikaner interessant, weil sie von der demografischen Struktur und Werteorientierung her konservativer sind. Die schwarze Bevölkerung wählt dagegen hauptsächlich demokratisch. Die Republikaner haben diese Wählergruppe längst verloren gegeben und unternehmen auch keine Anstrengungen, sie zurückzugewinnen.

Interview: Nadja Erb

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