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FDP-Trauma Nie wieder die Umfaller-Partei sein

Auch, wenn er es nicht offen sagt: Die öffentliche Kritik am Stolperstart der schwarz-gelben Koalition perlt an Guido Westerwelle keineswegs ab. Der FDP-Chef kämpft gegen ein Trauma.

Dass die Wunschkoalition mit Angela Merkel und der Union besser hätte beginnen können? Wer wüsste das besser als der FDP-Chef. Schließlich war Guido Westerwelle für den Stolperstart nicht gerade unverantwortlich. Selbstverständlich würde er das nicht zugeben. Foto: ddp

Stuttgart, Ankara, Riad - drei Orte, eine Woche, ein Terminkalender. Guido Westerwelle ahnte, was auf ihn zukommen würde. Nun spürt er es. Täglich. Opposition mag Mist sein, wie der Sozialdemokrat Franz Müntefering einst formulierte. Aber Regieren - das ist Stress. Megastress. 48 Jahre zählt der FDP-Chef. Drei Jahre über dem Alter, in dem Gesundheitsminister Philipp Rösler (36) angeblich aus der Politik aussteigen will. Humbug. Für den Außenminister geht´s jetzt erst richtig los.

Stuttgart. Dreikönig. Seit Theodor Heuss´ Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg der höchste Feiertag der Liberalen. Im Staatstheater hält die FDP-Spitze Hof. Der politisch interessierte Teil der Republik blickte ins Schwabenland - so war´s in der Bonner, so soll´s in Berliner Zeiten wieder sein. Endlich. Aus der Opposition heraus war das mehr als ein Jahrzehnt lang schwierig zu bewerkstelligen. Aber jetzt ist die Partei wieder da, wo sie hingehört. Für Westerwelle. In der Regierung.

Dass die Wunschkoalition mit Angela Merkel und der Union besser hätte beginnen können? Wer wüsste das besser als der FDP-Chef. Schließlich war er für den Stolperstart nicht gerade unverantwortlich. Selbstverständlich würde er das nicht zugeben. Er spricht lieber von "Kritik, die an mir abperlt". So wird die liberale Gemeinde in Stuttgart (abends gibt´s Verdis "Troubadour") wieder ein da capo der Arie "Steuersenkung, Steuersenkung" hören.

Aber zwischen die kämpferischen Fortissimos für die Galerie dürfte der José Carreras der FDP dem gebildeten Teil des Publikums sotto voce auch ein paar Zwischentöne servieren. Wer Ohren hatte zu hören, der konnte aus seinem Munde jüngst sogar ansatzweise lobende Töne über den Finanzminister hören. Der arbeitet nämlich auch aus liberaler Sicht den Koalitionsvertrag vorbildlich ab.

Zur Erinnerung: Wolfgang Schäuble wird seit seiner Vereidigung (und schon ein bisschen vorher) nicht müde, auf das Loch im Bundeshaushalt hinzuweisen, die Notwendigkeit, der neuen "Schuldenbremse" in der Verfassung genüge zu tun und vornehmlich auf jenen Teil des koalitionären Grundgesetzes zu verweisen, in dem alle schönen Vorhaben unter den Vorbehalt ihrer Finanzierbarkeit gestellt werden. Schäuble macht auch keinen Hehl daraus, dass er sich sinnvolleres vorstellen kann als das FDP-Modell eines neuen Steuersystems mit nur noch drei Tarifstufen. Denn das würde ziemlich teuer.

Westerwelle weiß auch das. Deshalb fände er fünf Stufen schon einen schönen Schritt in die richtige, die liberale Richtung. Fragt sich nur, wann er das laut sagt. Die öffentliche Kritik - angefangen von den Medien bis zu hin den Wirtschaftsverbänden - ist keineswegs an ihm abgeperlt. Und wenn es stimmt, dass er gleich "mehrfach" in der Woche mit dem liberalen Altmeister Hans-Dietrich Genscher telefoniert, dann dürfte er auch in aller Diskretion schon Hinweise bezüglich der Vereinbarkeit von Prinzipientreue und Standfestigkeit erhalten haben.

Aber da ist auch das Trauma des Guido Westerwelle: Nie wieder soll die FDP in den Ruf einer Umfaller-Partei kommen, den sie Anfang der 60er Jahre sich verdiente, als sie mit - entgegen ihrer Wahlaussage - in eine Koalition unter dem greisen Bundeskanzler Konrad Adenauer eintrat. Der aktuelle Oberliberale hat die Parteigeschichte drauf, auch jenen Teil, an dem er noch nicht beteiligt war.

Westerwelle, stellte dieser Tage die Süddeutsche Zeitung fest, ist kein Junger mehr - sondern der jüngste unter den Alten. Die Einsicht nachhaltig zu inhalieren, ist womöglich noch schwerer für den Jungen aus einem Bonner Reihenhaus, wie er sich gern stilisiert, als an der Seite Nicolas Sarkozys goldene Löffel zu Munde zu führen. Regieren, das bedeutet nämlich nicht nur Stress, sondern auch: Verantwortung. Für die Partei. Für das Land. Und die kann eine verdammte Last sein. Das weiß jeder Politiker. Auch in der Opposition. Aber sie real zu spüren - das ist noch eine andere Nummer.

Guido Westerwelle hat (wie Angela Merkel) die "stillen" Tage über Weihnachten zum Durchatmen genutzt. Und zum Nachdenken. Auf der Bühne des Stuttgarter Staatstheaters wird deshalb kein anderer Mensch zu sehen sein. Aber einer, der versucht zu lernen. Ob es reicht? Das wird das Publikum erst merken, wenn der Vorhang längst gefallen ist.

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