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Fall Skripal Unter Verdacht

Kaum benennen die Briten im Fall Skripal konkret mögliche Täter, schießt die russische Propaganda Breitseiten.

Salisbury
Nach dem Giftattentat arbeiten Soldaten in Schutzkleidung in der Nähe des Tatortes. Foto: dpa

Der Verdächtige heißt unter anderem Michail Sawizkis, sein Code-Name lautet Gordon. Er ist „klug, gebildet, ehrgeizig und gnadenlos“. So beschreibt ihn Boris Karpitschkow, ein Exbeamter des russischen Geheimdienstes FSB, der britischen Zeitung „Sunday People“. Laut Karpitschkow gehört Gordon-Sawizkis, 54, zur „aktiven Reserve des FSB“, aus der Agenten für Spezialaufgaben ausgewählt werden, auch für „nasse“ – also blutige – Sachen.

Sawizkis ist einer von sechs Verdächtigen, die britische Ermittler inzwischen im Fall des Giftgasanschlags auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia im englischen Salisbury identifiziert haben. Nach der Auswertung von Flugpassagierlisten und Überwachungsvideos glauben die Ermittler, dass die Gruppe wieder in Russland ist.

Die britischen Behörden werfen dem russischen Staat vor, er habe den Anschlag auf die Skripals mit organisiert, dabei das noch in der Sowjetunion entwickelte Giftgas Nowitschok eingesetzt. Die russische Seite dementiert eisern. „Auch die neuen Anschuldigungen sollten erst einmal durch exakte und klare juristische Beweise bestätigt werden“, sagt Sergej Gontscharow, Präsident des Veteranenverbandes des Sonderkommandos „Alfa“, der Agentur Interfax. „Wenn sie jetzt versuchen, uns die Skripals vorzuwerfen, verläuft das genauso im Sand wie der Fall Litwinenko.“

Gontscharow bezieht sich auf die Ermordung des früheren FSB-Agenten Alexander Litwinenko mit dem Strahlengift Polonium 2006. Allerdings konstatierte ein englischer Richter 2016, dass der russische Geheimdienst den Mord in Auftrag gegeben hatte, wahrscheinlich mit der Billigung Wladimir Putins. Die russische Seite antwortet wie damals mit Gegenvorwürfen. Alexander Jakowlenko, Botschafter in London, argwöhnte vergangenen Freitag, die Briten hätten Vater und Tochter Skripal verschleppt. „Niemand hat sie gesehen, niemand hat mit ihnen gesprochen.“

Russischen Medien ignorieren solche Dementis

Zuvor zitierte Außenminister Sergej Lawrow einen „vertraulichen“ Bericht des Schweizer ABC-Schutz-Labors in Spiez: Die Schweizer Experten hätten in den Proben aus Salisbury, die sie im Auftrag der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) untersuchten, das Nervengift BZ entdeckt – einen Kampfstoff, den die USA, Großbritannien und andere Nato-Länder besäßen, den Russland aber nicht produziere. OPCW-Chef Ahmet Üzümcü wies Lawrows Darstellung als falsch zurück, auch das Spiezer Labor dementierte: „Wir haben keinen Zweifel daran, dass Porton Down (das zuständige britische Labor) den Kampfstoff Nowitschok identifizieren konnte.“

Die meisten russischen Medien ignorieren solche Dementis. Dafür machte Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, Schlagzeilen, als sie unlängst vor ausländischen Korrespondenten einen 17-seitigen Exkurs über Großbritannien als „Weltrekordler des Genozids“ verlas. Danach ermordete das britische Empire 15 bis 29 Millionen Inder durch künstliche Hungersnöte, verschleppte 13 Millionen Afrikaner in die Sklaverei und brachte dabei drei mal so viele um. Und der britische Geheimdienst M1 erteile seine „Lizenz zum Töten“, keineswegs nur im Kino James Bond. Opfer dieser Lizenz sei schon 1916 der Petersburger Wunderheiler Grigori Rasputin geworden, später Litwinenko, der russische Ex-Oligarch Boris Beresowski sowie andere, nach England ausgewanderte Russen.

Den Staatsmedien Glauben schenken

„Als unsere Luftwaffe 1983 ein südkoreanisches Passagierflugzeug abschoss, merkten wir dass daran, dass die englischsprachigen Zeitschriften aus dem Lesesaal der Lenin-Bibliothek verschwanden“, sagte der Moskauer Politologe Viktor Korgonjuk der FR. „Heute schöpfst du Verdacht, sobald die Staatsmacht sehr laut wird, ob zum Ukraine-Krieg oder zu Skripal.“ Aber sehr viele einfache Russen schenkten den Staatsmedien in allem Glauben, was sie nicht unmittelbar betreffe.

So präsentierte ein Landwirt aus der Region Uljanowsk am Wochenende Sonnenblumen-Öl der Marke Nowitschok. „Mir gefällt es gar nicht“, begründete er den ungewöhnlichen Namen im Gespräch mit der Agentur Ria Nowosti, „wenn man mein Land mit Dreck bewirft“.

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