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Fall Skripal London beschuldigt zwei Russen

Moskaus Militärgeheimdienst soll den Giftanschlag auf Sergej und Julia Skripal in Großbritannien verübt haben.

Polizei benennt russische Verdächtige im Fall Skripal
Gesucht: Alexander Petrow (l.) und Ruslan Boschirow. Foto: dpa

Fast auf den Tag genau sechs Monate nach dem geheimnisvollen Chemiewaffen-Anschlag von Salisbury haben die britischen Strafverfolger am Mittwoch zwei Tatverdächtige präsentiert. Die Männer mit den Aliasnamen Alexander Petrow und Ruslan Boschirow seien für die Nowitschok-Vergiftung des Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia verantwortlich, teilte Scotland Yard mit. Regierungschefin Theresa May sagte im Unterhaus, bei dem Duo handele es sich um Offiziere des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Gestützt auf Erkenntnisse ihrer eigenen Geheimdienste könne sie mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass der Anschlag von vorgesetzter Stelle genehmigt worden sei: „Der russische Staat war verantwortlich.“

May wirft Moskau Lügen vor

May warf Moskau erneut „Verschleierung und Lügen“ vor: Dort habe man wechselweise Terroristen, andere Staaten und die zukünftige Schwiegermutter Julia Skripals beschuldigt, hinter dem Anschlag zu stecken. Die Desinformationskampagne dürfe aber nicht von den Fakten ablenken: „Nur Russland hatte die technischen Möglichkeiten, die operative Erfahrung sowie das Motiv für den Anschlag.“

Die russische Regierung wies die Vorwürfe prompt zurück. Sie teilte mit, ihr seien die Namen der Verdächtigen nicht bekannt. Die Namen und die Fahndungsfotos „sagen uns gar nichts“, sagte eine Sprecherin des Außenministeriums. Sie forderte die britische Regierung auf, auf „öffentliche Anschuldigungen“ und das „Manipulieren von Informationen“ zu verzichten und stattdessen mit den russischen Ermittlungsbehörden zusammenzuarbeiten. 

Die Tatverdächtigen Petrow und Boschirow flogen nach den Erkenntnissen einer 250-köpfigen Sonderkommission am Freitag, 2. März, mit einer Aeroflot-Maschine nach London und verließen die Stadt auf dem selben Weg zwei Tage später. Sie wohnten im einfachen CityStay Hotel im Londoner Osten. Das Zimmer dort kostet lediglich 48 Pfund (53,50 Euro), schräg gegenüber liegt eine Polizeistation, die U-Bahnstation Bow Road ist fünf Fußminuten entfernt.

Von dort reisten sie zweimal per U-Bahn und Zug nach Salisbury; der erste Trip am Samstag habe wohl der Aufklärung gedient, mutmaßte der Leiter der Sonderkommission, Neil Basu. Gegen Mittag des Sonntages wurde das Duo, so ergab die Auswertung von mehr als 11 000 Stunden Filmen aus Überwachungskameras, an Skripals Haustür gesichtet.

Kronanwaltschaft beantragt europäischen Haftbefehl

Anders als im Fall des Überläufers Alexander Litwinenko, der im November 2006 mitten in London mit radioaktivem Polonium vergiftet worden war, will Großbritannien in diesem Fall nicht die Auslieferung der Tatverdächtigen von Russland verlangen. Dies sei zwecklos, sagte May mit Verweis auf Moskaus Weigerung, die Litwinenko-Beschuldigten Andrej Lugowoj und Dimitri Kowtun zu überstellen. Die Kronanwaltschaft hat gleichwohl einen europäischen Haftbefehl beantragt sowie bei Interpol um Hilfe gebeten. 

Der von Großbritannien aus russischer Haft freigekaufte Ex-Agent Sergej Skripal und seine Tochter Julia waren am ersten Märzsonntag auf einer Parkbank mitten in Salisbury bewusstlos aufgefunden worden. 

Beide konnten nach wochenlanger Behandlung aus dem Krankenhaus entlassen werden. Gleiches gilt für einen Polizeibeamten, der ebenfalls verletzt wurde. Öffentliche Erklärungen zu ihrem Fall haben die Skripals nie abgegeben. Das Gift war offenbar auf die Türklinke von Sergejs Haus in Salisbury geschmiert oder gesprüht worden.

Anfang Juli wurde ein unbeteiligtes Paar ebenfalls ins Krankenhaus eingeliefert. Den polizeilichen Ermittlungen zufolge hatte Charlie Rowley ein aufwendig verpacktes Parfümfläschchen gefunden und seiner Freundin Dawn Sturgess geschenkt. Die 45-Jährige besprühte sich mit der öligen Substanz und starb wenige Tage später. Rowley war zwischenzeitlich als gesund entlassen worden, muss sich derzeit aber wegen Gehirnhautentzündung behandeln lassen.

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