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Extremismus „Ein Prozess schreckt nicht ab“

Präventionsexperte Thomas Mücke spricht im Interview über radikale Muslime in Deutschland und die Strategien gegen ihre Ausbreitung.

Salafistentreffen in Bremen: Die Polizei prüft die Taschen eines Teilnehmers. Foto: dpa

Herr Mücke, kann ein Prozess wie der gegen Sven Lau als Abschreckung für die mit der salafistischen Szene sympathisierenden Jugendlichen dienen?
Nein, ein solcher Prozess schreckt nicht ab. Im Gegenteil: Man muss in diesem Zusammenhang immer wieder klarmachen, dass vor dem Gesetz alle gleich sind und nach den Regeln der Rechtsstaatlichkeit behandelt werden. Sonst kann ein solcher Prozess von den Salafisten auch als Propaganda benutzt werden nach dem Prinzip: Schaut, wir Muslime werden ungerecht behandelt.

Und die Salafisten werben weiter um Anhänger: Pierre Vogel zum Beispiel tauchte mit seiner Street Dawa genannten Straßenmission in Hanau auf. Verlagert sich die Ansprache von den Metropolen in kleinere Städte?
Die Vermutung liegt nahe, denn eine extremistische Szene verlagert sich immer. Sie reagiert darauf, wie stark die staatlichen Sicherheitsbehörden einen Ort kontrollieren; natürlich bekommen sie auch mit, wo wir als Beratungsstellen aktiv sind. Wir haben auch schon erlebt, dass vor uns „gewarnt“ wurde. Das ist im Rechtsextremismus genauso – die Szenen agieren in den Bereichen, in denen sie keiner stört. Doch das ist das Wichtigste für uns: Man muss sie stören – und zwar flächendeckend.

Der Staatsschutz der Frankfurter Polizei hat Kinder, die in salafistischen Familien aufwachsen, als „Hasskinder“ bezeichnet, als neue Generation gewaltbereiter Salafisten. Haben Sie mit diesen Kindern Erfahrung?
Das Problem ist hier, dass sich die Eltern von radikalisierten Kindern eben nicht an die Beratung wenden, wie es sonst der Fall ist. Da sind wir auf Schulen oder Kindertageseinrichtungen angewiesen, die sich an uns wenden. Die Kinder sind in der eigenen Familie und deren Ideologie verfangen. Die Ausstiegsprozesse für diese Jugendlichen werden schwieriger, wenn in der Familie selbst die Ideologie vorhanden ist. Die Kinder haben natürlich eine emotionale Bindung zu ihren Eltern und müssen gleichzeitig auf Distanz zu ihnen gehen, um da rauszukommen. Das ist eine extreme Überforderungssituation.

Wie kann man ihnen helfen?
Da sind die Institutionen wie Schule oder Kindertagesstätte gefragt, diese Kinder nicht auszugrenzen, sondern sie einzubinden, damit sie anderes erleben und erfahren können als das, was ihnen zu Hause erzählt wird.

Sie arbeiten meist mit Jugendlichen – kann man Anzeichen auch bei kleinen Kindern sehen?
Man kann das sehr früh erkennen, zum Beispiel an einer ungewöhnlich ausgeprägten Religiosität. Oder wenn ein Kind, das in der rechtsextremen Szene groß wird, im Kindergarten plötzlich Hakenkreuze malt – da würde es ohne die Einflüsse des Elternhauses von alleine nicht drauf kommen. Man muss die Augen nach Erkennungszeichen offen halten, dann fallen sie auch schnell auf.

Reisen eigentlich immer noch junge Männer und Frauen aus Deutschland nach Syrien zum IS?
Zur Zeit reisen nicht mehr so viele Mädchen nach Syrien, weil sie nicht mehr in das Kampfgebiet rüberkommen. Außerdem hat der IS gerade andere Sorgen, als den Nachwuchs anzuwerben. Doch die Gefährdung besteht natürlich immer noch. Denn die Ideologie und der Wunsch, in einen für sie geformten Staat zu reisen, ändern sich natürlich nicht durch die militärische Situation.

Wie ist es mit den Männern?
Die sterben dort wie die Fliegen. Doch uns ist in der Betreuung erst einmal egal, ob sie ausreisen wollen oder hier der Szene angehören. Wir versuchen einfach bei allen, sie anzusprechen und herauszuholen, das gilt für Jungs genauso wie für Mädchen.

Interview: Elena Müller

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