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Extremismus Die radikalhinduistische Offensive

Indiens Nationalisten bedrängen andere Minderheiten schwer – und stoßen auf Widerstand der Dalits. Indien-Experten bezeichnen die Ideologie als „indische Form des Faschismus“.

Martialisches Training: das radikalhinduistische Reichsfreiwilligenkorps RSS. Foto: Amit Dave/rtr

Rakesh Sinha thront vor einem dicken Fenstervorhang inmitten von Zeitungsstapeln und leicht vergilbten Büchern hinter einem brandneuen Laptop auf einem Schreibpodest, das früher wahrscheinlich klappernde Schreibmaschinen trug. Auf seinem Schreibtisch in einem Hinterhaus von Hauz Khas, einem Stadtviertel der gehobenen Mittelklasse in Indiens Hauptstadt Delhi, laufen die Fäden der „India Policy Foundation“ zusammen, der Denkfabrik der indischen Massenorganisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), dem hindunationalistischen, paramilitärisch organisierten Reichsfreiwilligenkorps.

Die Dachorganisation „Sangh Parivar“, zu der alle hindunationalistischen Organisationen inklusive der regierenden „Bharatiya Janata Party“ (BJP) gehören, betreibt laut Kritikern seit der Amtsübernahme von Narendra Modi als Premierminister im Jahr 2014 einen kompletten Umsturz traditioneller Werte. „Wir erleben gegenwärtig eine Kulturrevolution, die eine radikale Neudefinition dessen anstrebt, was es bislang bedeutete, Inder zu sein“, sagt in der Hauptstadt Delhi der Journalist Maseeh Rahman.

In seinem Büro hegt Rakesh Sinha, einer der Chefplaner der RSS, kaum Einwände. „Das Wort Kulturrevolution gefällt mir wegen der blutigen Begleitumstände damals in China nicht“, sagt der Professor, „ich würde sagen: Wir erleben die Geburt des wahren Indischseins.“

In Delhi werden Straßen mit islamischen Namen zugunsten hinduistischer Figuren umgetauft. Neue Schulbücher beschreiben das im 17. Jahrhundert vom Mughal-Herrscher Shah Jahan zu Ehren seiner Lieblingsgemahlin Mumtaz Mahal errichtete, weltbekannte Taj Mahal in der Stadt Agra als großartiges Zeugnis religiöser, nämlich hinduistischer Baukunst. Unter den Fittichen der RSS entstand gar ein Dharam Sanand (Parlament der Religionen), bei dessen regelmäßigen Treffen Sadhus (Heilige Männer) dem vielschichtigen Hindu-Glauben mit seinen Tausenden von Gottheiten eine Art Hierarchie geben wollen.

Hindunationalisten haben in einigen Bundesstaaten nicht nur den Konsum, sondern auch das Schlachten von Rindern verboten – wohl wissend, dass viele Metzger des Landes und die lederverarbeitende Industrie zu einem Großteil in der Händen der Muslime liegt. Selbsternannte Kuhwächter lynchten und verprügelten muslimische Inder oder Dalits (früher Unberührbare) wegen der bloßen Unterstellung, gegen die Verbote verstoßen zu haben.

Hindutva nennen Indiens Hindunationalisten ihre Idee, die eigenen religiösen und gesellschaftliche Regeln Indiens religiösen und ethnischen Minderheiten als Leitkultur aufzuzwingen. „Toleranz“, so begründet Rakesh Sinha die geringe Duldsamkeit gegenüber Andersdenkenden, „verursacht Aggressivität.“

Der Indien-Experte Christophe Jaffrelot bezeichnete die Ideologie der radikal-hinduistischen RSS mit ihren rund 40 000 Ortsvereinen als „indische Form des Faschismus“. Die Historikerin Romila Thapar warnt: „Faschismus in Indien ist möglich.“ Der hindunationalistische Vordenker Rakesh Sinha wischt solche Warnungen beiseite und beschreibt ungerührt die Pläne seiner Sangh Parivar: „In zehn Jahren werden wir ein einheitliches Zivilrecht für alle Inder haben statt verschiedener Regeln für Minderheiten“, erläutert er den Hindutva-Plan, dem auch Premier Narendra Modi als einstiger RSS-Freiwilliger verpflichtet ist, „wir werden Familien stärken und der Hinduismus wird zu den wichtigsten Soft-Power-Faktoren der Welt gehören.“

Zur Absicherung der Herrschaft in Indien benötigen die von der obersten Brahmanen-Kaste dominierten Hindunationalisten freilich die Volksgruppe, die sie in der Vergangenheit geflissentlich übersahen: 180 Millionen Harijans oder Kinder Gottes, wie Mahatma Gandhi die heute Dalits genannten einstigen „Unberührbaren“ taufte. Weitere etwa hundert Millionen sind Adivasis, das sind animistische Stammesbewohner.

„Erschießt mich, nicht meine Dalit-Brüder“, appellierte Premierminister Narendra Modi, nachdem in seinem Heimatstaat Gujarat einige seiner fanatischen Anhänger elf Dalits öffentlich ausgepeitscht und die Aufnahmen über die sozialen Medien verbreitet hatten. Die selbsternannten Kuhhüter hatten ihnen vorgeworfen, für eine Gerberei Rinder gehäutet zu haben. Die Folge war ein massiver Protest der Dalits in Gujarat.

Rund 1000 Übergriffe gegen Dalits verzeichnet die „National Commission for Schedule Castes“ jährlich. Im Jahr 2015 verzeichnete die Kommission im von der BJP regierten Bundesstaat Gujarat eine Zunahme von 163 Prozent bei Kastenübergriffen. Aber allein in Indiens bevölkerungsreichstem Bundesstaat Uttar Pradesh sind über 30 Prozent der Wähler Dalits und stellen damit, wahltaktisch gesehen, den wichtigsten Wählerblock.

„Wir erleben erstmals in der Geschichte Indiens eine massive Protestbewegung der Dalits gegen erlittenes Unrecht“, beschreibt der Rechtsanwalt Henri Tiphagne, der Träger des deutschen Amnesty-International- Menschenrechtspreises 2016, im Gespräch mit der „Frankfurter Rundschau“ die Folgen. Für den hindunationalistischen Vordenker Rakesh Sinha sind dies schlechte Nachrichten. Für die Dalits bringen die Probleme eine unerwartete Folge. „In der Geschichte Indiens waren die Dalits politisch noch nie so wichtig wie heute“, sagt Ravi Nair vom South Asia Human Rights Documentation Center in Delhi.

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