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Exporte Keine Chance für Afrika

Die Billigexporte der Industrienationen machen den Kontinent kaputt. Afrikanische Staaten pflegen zu ihren ehemaligen Kolonialmächten engere Beziehung als mit ihren Nachbarn. Ein zollfreier Binnenmarkt könnte die Lösung sein.

Christine Legarde in Ruanda
Bedrängter Markt: IWF-Chefin Christine Lagarde besucht im Jahr 2015 Stoffhändlerinnen im ruandischen Kigali. Foto: rtr

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob Afrika wieder einmal den Trend verpassen würde. Während die Supermacht USA dem Freihandel den Rücken kehrt und andere Staaten darauf mit Schutzzöllen reagieren, schlägt der Kontinent die Gegenrichtung ein: Eine überwältigende Mehrheit der afrikanischen Staatschefs unterzeichnete kürzlich das „Kontinentale Freihandelsabkommen“ (CFTA), mit dem 90 Prozent aller Zölle innerhalb des weltweit staatenreichsten Erdteils abgeschafft werden sollen. Noch sind mit Nigeria und Südafrika die beiden Wirtschaftsgiganten des Kontinents nicht dabei. Doch ihre Unterschrift sei nur eine Frage der Zeit, heißt es in Abuja und Pretoria. Das Abkommen soll spätestens im kommenden Jahr wirksam werden.

Handelszwerg im Süden

Doch was als Bekenntnis zum Freihandel daherkommt, könnte auch als Vorbereitung auf eine wieder zunehmend protektionistische Weltwirtschaft gesehen werden, meinen Experten. Denn das marginalisierte Afrika, das lediglich zwei Prozent des Welthandels bestreitet, kann sich unter Bullies wie den USA, China und der EU höchstens als Block behaupten. Mit knapp drei Billionen US-Dollar ist das Bruttoinlandsprodukt des gesamten Kontinents noch nicht einmal so groß wie das deutsche – mancher afrikanische Staat hat einen Haushalt wie eine deutsche Kleinstadt. 

Verantwortlich für die Zersplitterung Afrikas sind die Kolonialmächte, die den Erdteil einst willkürlich in ihre Einflussbereiche zerstückelten – noch heute sind die sprachlichen und wirtschaftlichen Barrieren aus dieser Zeit allgegenwärtig. Afrikanische Staaten pflegen mit ihrer ehemaligen Kolonialmacht engere Beziehungen als mit ihren Nachbarn: Nur 18 Prozent des Außenhandels der 55 afrikanischen Länder wird innerhalb des Kontinents abgewickelt – in Asien sind es 59, in Europa sogar 69 Prozent.

Mit der Schaffung eines zollfreien kontinentalen Binnenmarktes könnte der innerafrikanische Handel bereits in den kommenden vier Jahren um über 50 Prozent gesteigert werden, rechnet die Wirtschaftskommission für Afrika der Vereinten Nationen vor – auch beflügelt von großen, vor allem von China finanzierten Infrastrukturprojekten, die Afrikas Staaten immer besser miteinander verbinden. Laut Bevölkerungsprognosen wird der Kontinent in den kommenden Jahrzehnten zum größten Wachstumsmarkt der Welt zu werden: Schon 2050 wird jeder vierte Erdenbürger in Afrika leben.

Worunter Afrikas Volkswirtschaften noch am meisten kranken? Dass sie fast nur Rohstoffe und kaum verarbeitete Güter exportieren. Schon die Kolonialmächte waren fast ausschließlich an den Bodenschätzen des Kontinents interessiert. Zur Industrialisierung trugen auch die rund 50 Milliarden US-Dollar nicht bei, die jährlich als Entwicklungshilfe nach Afrika fließen. 

Die Liberalisierung des Welthandels hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten sogar noch die anfänglichen Erfolgsgeschichten afrikanischer Industrie, die Textilproduktion, zunichte gemacht. Ob Kleiderspenden aus den Industrienationen oder 50-Cent-T-Shirts aus China: Der Schwemme an Billigwaren vermochten Afrikas Textilhersteller nichts entgegen zu setzen. Als Ruandas Regierung kürzlich gebrauchte Kleidungsstücke aus den USA mit Zöllen belegte, drohte Washington mit dem Ausschluss des zentralafrikanischen Kleinstaats aus dem Vorzugshandelsabkommen Agoa.

Industrien sollen wachsen

Das wichtigste Ziel der kontinentalen Freihandelszone sei gewiss der Anschub der Industrialisierung, sagt Asmita Parshotam vom Südafrikanischen Institut für Internationale Angelegenheiten: Statt die mineralischen und agrarischen Rohstoffe des Kontinents in alle Welt zu exportieren, sollen sie bereits in Afrika weiterverarbeitet werden. Davon profitieren werden in erster Linie bereits halbwegs entwickelte Volkswirtschaften wie Ägypten oder Südafrika, die zu solchen Wertschöpfungsprozessen überhaupt in der Lage sind: Doch indirekt kann die kontinentale Ankurbelung schließlich auch kleineren Staaten zugute kommen. 

Allerdings werden zur Entwicklung der heimischen Produktion auch Schutzmaßnahmen nötig sein: Denn gegen chinesische und indische Billigprodukte werden sich die afrikanischen Hersteller kaum wehren können: Sie haben mit einer noch immer mangelhaften Infrastruktur, mit Kompetenzdefiziten und zahllosen anderen Kinderkrankheit zu kämpfen. Afrikas Mantra wird deshalb nach innen Liberalisierung, nach außen vorsichtiger Protektionismus lauten müssen.

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