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Experte iim FR-Interview „Seriöse Vereine legen ihre Finanzen offen“

Der Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen fordert von gemeinnützigen Organisationen wie „Innocence in Danger“ Transparenz. Außerdem nennt er Kriterien, auf die Spender in der Weihnachtszeit achten sollten.

27.11.2010 09:30
Burkhard Wilke, 46, ist Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI). Foto: dpa

Herr Wilke, der Verein „Innocence in Danger“ gibt keine Auskunft zu seinen Finanzen. Ist das in Ordnung?

Eine gemeinnützige Organisation, die so in der Öffentlichkeit steht wie „Innocence in Danger“ und erkennbar um finanzielle öffentliche Unterstützung bittet, sollte der Öffentlichkeit auch aussagekräftige Finanzberichte zur Verfügung stellen. Das kann man von solchen Organisationen verlangen. Es geht dabei um eine Basistransparenz. „Innocence in Danger“ ist nicht zuletzt seit der TV-Aktion „Tatort Internet“ gemeinsam mit RTL 2 eine stark öffentlich wahrgenommene Organisation. Dieser Präsenz würde es entsprechen, wenn ein Finanzbericht öffentlich zugänglich wäre.

Das ist aber nicht der Fall. Sollen Bürger trotzdem spenden?

Ich kann Spendern generell keine Organisation empfehlen, bei denen der Appell an Spender und die Bitte um Mittel nicht einhergehen mit der Bereitschaft, Finanzzahlen zu veröffentlichen. Fehlt diese Transparenz, sollte man lieber eine der vielen transparenten Organisationen bevorzugen.

Welche Kriterien sollten Spender in der Weihnachtszeit beachten?

Die Zahl der gemeinnützigen Organisationen, die um Spenden werben, ist enorm hoch. Spender dürfen sich nicht irre machen lassen. Sie sollten zwei oder drei Organisationen intensiver auf Seriosität überprüfen. Ein Anhaltspunkt ist unser Spendensiegel. Wir empfehlen Spenden ohne Zweckbindung.

Bei der Zweckbindung kann man bestimmen, wofür das Geld ausgegeben werden muss. Warum sind Sie dagegen?

Wenn ich mir ein Internetportal wie betterplace.org ansehe, wo ich eine fast atomisierte Zweckbindung habe und für einzelne Stühle in afrikanischen Hilfsprojekten spenden kann, dann erzeugt das einen fiktiven Eindruck von direkter und schneller Wirksamkeit, der einer näheren Überprüfung oft nicht standhält. Weil damit entweder unverhältnismäßig hohe Transaktionskosten verbunden sind oder die Zweckbindung so detailliert nicht eingehalten werden kann. Das ist nicht ehrlich.

Was bedeutet gute Mittelverwendung? Ist allein die Summe des in ein Hilfsprojekt gesteckten Geldes schon ein Gütesignal?

Wenn der Anteil des direkt in die Projekte geleiteten Geldes hoch ist im Vergleich zu den Verwaltungskosten, ist das eine notwendige Bedingung für eine sinnvolle Verwendung von Spendengeld. Aber noch keine ausreichende. Zur wirtschaftlichen Effizienz muss die Wirksamkeit der Hilfe hinzukommen. Die Wirksamkeit ist schwerer zu beurteilen.

Ist die schnelle Nothilfe nicht oft unwirksamer als die Hilfe, die Ursachen verändern will?

Man ist versucht zu glauben, dass bei Katastrophenfällen wie in Haiti oder in Pakistan nur eine schnelle Hilfe eine wirksame Hilfe ist. Das stimmt zwar, was die unmittelbare Versorgung von Opfern angeht. Aber die langfristige Aufbauhilfe kann viel bedeutsamer sein, auch wenn man die Ergebnisse zunächst kaum sieht. Noch mehr gilt das für die Prävention, deren Wirksamkeit sich erst nach Jahren zeigt, die aber sehr viel sinnvoller sein kann als das bloße Reparieren von Schäden.

Was sollten Spender lernen?

Hilfsorganisationen werden oft verzerrt wahrgenommen: entweder als Gutmenschen, bei denen nichts schiefgehen darf, oder als Schlechtmenschen, die nur den eigenen Vorteil suchen. Die Realität liegt in der Mitte. Aufgeklärtes Spenden würde bedeuten, sich mehr mit der Arbeitsweise der Organisationen zu beschäftigen.

Interview: Matthias Thieme

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