Lade Inhalte...

Ex-„Cumhuriyet“-Chef „Und Angela Merkel sagte nichts“

Der zurückgetretene Chefredakteur von „Cumhuriyet“, Can Dündar, spricht im FR-Interview über Erdogans Türkei, den Preis des Militärputsches und das Versagen Europas.

15.08.2016 09:37
Kerstin Krupp und Christian Schlüter
August 2016: Ein Besucher des Atatürk-Mausoleums sieht sich ein Bild des Staatsgründers an.

(Anmerkung: Das Interview wurde vor der Verkündung des Rücktritts Can Dündars als Chefredakteur der Zeitung geführt).

Herr Dündar, was erwartet Sie, wenn Sie in die Türkei einreisen?
Ich muss mich auf eine weitere Gefängnisstrafe gefasst machen. Dazu bin ich nicht bereit. Ich wurde zu fünf Jahren und zehn Monaten verurteilt. Dagegen bin ich in Berufung gegangen.

Sie haben, gemeinsam mit dem Leiter Ihres Hauptstadtbüros in Ankara, Erdem Gül, über Waffenlieferungen der Türkei an islamische Milizen in Syrien berichtet.
Genau, uns wird Spionage und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Eine Entscheidung des Höchsten Gerichtshofs in Istanbul steht noch aus. Doch nach dem Militärputsch sind dort die Richter ausgetauscht worden. Und der Staatsanwalt, der damals unsere Verhaftung vorangetrieben hat, ist nun Oberstaatsanwalt von Istanbul. Hinzu kommt, dass die Richter des Verfassungsgerichts in Ankara, die über unsere Entlassung entschieden haben, entlassen wurden. Das sieht also nicht gut aus für uns.

Was also sind Ihre Pläne?
Sagen Sie es mir! Auch für mich ist die Situation völlig neu. Der Militärcoup hat alles geändert. Es wird wieder gefoltert in türkischen Gefängnissen, und wie es aussieht, will Erdogan die Todesstrafe wieder einführen. Daher bleibe ich der Türkei erst einmal fern, zumindest bis der Ausnahmezustand aufgehoben ist. Ich will aber kein politisches Asyl beantragen, ich will zurück in die Türkei.

Ihre Zeitung „Cumhuriyet“ ist eine große, regierungskritische Tageszeitung, die noch immer berichtet. Also existiert die Pressefreiheit.
Ja, Sie können schreiben, was Sie wollen – wenn Sie bereit sind, den Preis dafür zu zahlen. Ich habe bezahlt. Zwei meiner Kollegen sind vergangenen Monat zu zwei Jahren Haft verurteilt worden, weil sie nach den Anschlägen in Paris die Frontseite von „Charlie Hebdo“ veröffentlicht haben. Sie sehen, ich bin nicht der Einzige.

Publizieren Sie noch in der Türkei?
Ich habe über drei Millionen Follower auf Twitter, ich kann schreiben, was ich will, auch in meiner Zeitung. Meine Kolumne erscheint dreimal die Woche. Ich bin auch immer noch der Chefredakteur, kontrolliere von hier aus die Seiten. So kann es aber nicht weitergehen.

Wie kommentieren regierungsnahe Medien die Verhaftungen von Kollegen?
Sie applaudieren.

Kein Zeichen von Solidarität?
Das sind keine Journalisten, sondern Teile einer Propagandamaschine, aufgebaut von Erdogan. Er hat Geschäftsleute aus seinem Umfeld gedrängt, Zeitungen und Fernsehstationen zu kaufen mit dem einzigen Ziel, Erdogan zu unterstützen und dessen Gegner anzugreifen. Als Gegenleistung erhielten sie riesige Bauaufträge, etwa für den dritten Flughafen in Istanbul, der 2018 eröffnen soll, oder die dritte Brücke über den Bosporus, die Yavuz-Sultan-Selim-Brücke, die im März fertig gestellt wurde.

Und wie ist es mit Erdogans Anhängern?
Viele glauben den Terrorismusvorwürfen, nicht zuletzt, weil es kaum noch Medien gibt, die dieser Darstellung widersprechen können.

Erwarten Sie mehr Unterstützung von Europa?
Europa hat so viele Fehler begangen, ich kann sie gar nicht alle aufzählen. Der erste war, die Verhandlungen mit der Türkei für die Aufnahme in die EU abzulehnen. Brüssel war immer ein starker Anker für die türkische Demokratiebewegung. Seit 40 Jahren wartet die Türkei darauf, dass Europa seine Pforten öffnet. Nun gibt es keine Europäische Union mehr, aber wir warten noch immer.

Europa ist noch recht lebendig.
Zumindest existiert es nicht mehr für die Zukunft der Türkei. Aussagen wie „Die Türkei könne nicht vor dem Jahr 3000 EU-Mitglied werden“ tragen nicht zu einem besseren Verhältnis bei. Auch hat Europa sehr spät den blutigen Putschversuch, bei dem über 250 Menschen ermordet wurden, verurteilt. Erdogan hat sich von Europa abgewendet hin zu Saudi-Arabien, Katar und – ganz aktuell – zu Russland. Sie sollten wissen, dass auch die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestags oder die satirischen Gedichte ...

... Sie meinen Jan Böhmermanns Schmähkritik?
All das hat uns nicht geholfen. Ein weiterer Fehler war dieser beschämende Flüchtlingsdeal: Wir behalten die Flüchtlinge auf türkischem Boden, dafür mietet Europa ein Stück Land, auf dem wir die Flüchtlinge einsperren. Als Dankeschön gibt es die Visa-Freiheit. Wir haben vorausgesagt, dass der Deal nicht funktionieren kann. Ich bin sicher, Erdogan wird in einigen Wochen die Tore öffnen.

Noch ist Zeit zu verhandeln.
Und was dann? Erdogan bekommt am Ende die Visa-Befreiung für ein Land, in dem keine Freiheit herrscht? Die reichen Türken werden durch Europa reisen, während wir im Gefängnis sitzen?

Der Flüchtlingsdeal schadet der demokratischen Bewegung?
Genau. Als ich Anfang des Jahres im Gefängnis saß, besuchte Angela Merkel fünfmal in fünf Monaten die Türkei, um mit Erdogan zu verhandeln. Sie vermied es peinlichst, sich zu Demokratie oder Menschenrechten zu äußern. Ich sah in meiner Zelle im Fernsehen eine Pressekonferenz des damaligen Premierministers, Ahmet Davutoglu, mit Kanzlerin Merkel. Unser Premier wurde gefragt: Was ist mit den inhaftierten Journalisten? Er antwortete: Es gibt keine Journalisten in den Gefängnissen. Und Angela Merkel sagte nichts. Ihre Sorge galt allein den Flüchtlingen, nicht uns.

Wen meinen Sie eigentlich mit „wir“ oder „uns“?
Ich nenne es „die andere Türkei“, die stärkere. Sie dürfen die Türkei nicht auf Erdogan reduzieren.

Wie kann diese „andere Türkei“ stärker als Erdogans Staat sein?
Weil wir eine demokratische Tradition haben. Wir glauben an europäische Werte, die Menschenrechte, an die Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung von Mann und Frau und, ganz wichtig, an den Säkularismus – das ist die moderne Türkei, die Türkei, die Mitglied der europäischen Familie sein möchte und die ihr zurückgewiesen habt. Sie leidet unter Erdogan, der für das genaue Gegenteil steht – plus Islamismus.

Lassen Sie uns zu einem weiteren Punkt kommen, der Bewegung des Predigers Fetullah Gülen. Wie mächtig ist diese tatsächlich?
Das ist wie die Geschichte von Frankenstein: Erdogan wird von dem Monster angegriffen, das er selbst erschaffen hat. Sie waren enge Partner. Erdogan unterstützte die Organisation, gemeinsam schalteten sie Kritiker aus. Diese Bewegung hat eine enorme Macht, die einen Staat im Staat aufgebaut hat. Sie kontrollierte die Polizei, die Universitäten, die Verwaltung, den Justizapparat. Sie ist eine sehr reale Bedrohung, auf die wir jahrelang hingewiesen haben. Erdogan hat das ignoriert. Lange Zeit hatte er auch alles unter Kontrolle. Doch ab einem gewissen Zeitpunkt war Gülen so mächtig, dass er sich nicht mehr unterordnen wollte.

Lange schien die Türkei das einzige islamische Land mit einer funktionierenden Demokratie zu sein. Wo sehen Sie die Zukunft Ihres Landes?
Wir sind kein islamisches Land. Wir sind ein säkulares Land mit einer großen muslimischen Bevölkerung, das einzige in der islamischen Welt. Es wäre daher eine Chance für Europa gewesen, die Türkei aufzunehmen. Europa wäre nicht länger ein christlicher Klub, gemeinsam hätte man Antworten auf den Religionskrieg in der Welt finden können. Jetzt aber entwickeln wir uns in Richtung eines islamischen Landes.

Spielt der Islam tatsächlich eine so entscheidende Rolle? Geht es nicht viel mehr um Machtansprüche und um Geld?
Ich habe das auch lange gedacht. Aber jetzt spüre ich die Veränderung: Außer in Ankara, Izmir und Istanbul ist es nicht mehr möglich, in der Türkei Alkohol in der Öffentlichkeit zu trinken. Das ist Islam. In Restaurants, Bussen oder an Stränden werden Männer und Frauen immer häufiger getrennt. So etwas gab es nicht in der Türkei. Die Zahl der religiösen Schulen übersteigt bald die der säkularen. Eine neue Generation Religiöser wächst heran. Autoritarismus gemischt mit Islam ist ein gefährlicher Cocktail. Die Türkei ist zwar kein Militärstaat mehr, dafür ist sie zum Polizeistaat geworden. Wir sitzen in der Falle. Die moderne Türkei ist in Gefahr.

Wie ließen sich die demokratischen Kräfte in der Türkei unterstützen?
In Europa müsste man aufhören, immer nur gebannt auf Erdogan zu starren, sondern jenen Gruppierungen helfen, die sich für eine moderne, säkulare und demokratische Türkei einsetzen. Das ließe sich als Investition in die Zukunft verstehen. Zum Beispiel würden Austauschprogramme für Schüler und Studenten helfen oder Städtepartnerschaften, Parteien und Verbände könnten enger zusammenarbeiten. Alles, was hilft, Angst und Vorurteile abzubauen, ist willkommen. Anders gesagt: Helfen Sie uns in der Türkei, die Radikalen loszuwerden und ein demokratisches Land aufzubauen.

Werden Sie eigentlich überwacht?
Davon gehe ich aus. Es wäre nicht das erste Mal. Eine Ironie am Rande: In der Haft war mein Zellennachbar ausgerechnet der Richter, der die Überwachung meines Handys angeordnet hatte. Jetzt saß er als Gülen-Anhänger im Gefängnis.

Interview: Kerstin Krupp und Christian Schlüter

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen