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Estland als Vorreiter in der EU In Tallinn wird der öffentliche Verkehr gratis

Als erste Hauptstadt eines EU-Landes beschließt Tallinn, den öffentlichen Verkehr kostenlos anzubieten. Befürworter sehen ökologische Vorteile, Kritiker warnen vor hohen Kosten und bezichtigen Bürgermeister Savisaar des Populismus.

Ein Obus in Tallinn. In Zukunft soll der öffentliche Verkehr in der der estnischen Hauptstadt für Einwohner kostenlos sein. Foto: Wikipedia/Heini91 - Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Es gibt Fragen, deren Beantwortung nicht allzu viel Grübeln erfordert. „Möchten Sie im öffentlichen Verkehr gratis fahren?“, werden wohl die wenigsten verneinen. So auch in Tallinn, Estlands Hauptstadt. Dort endete am Sonntag eine einwöchige Bürgerbefragung zu ebendiesem Thema mit einer Zustimmungsrate von über 75 Prozent, was Bürgermeister Edgar Savisaar erfreut als Beweis dafür ansah, wie „innovativ“ seine Städter denken.

Die Opposition war weniger begeistert. „Die Antwort war von vornherein gegeben, das ganze dient nur Savisaars Propagandazwecken“, ereiferte sich Valdo Randpere von der Reformpartei.

Begnadeter Populist

Das freilich konnte niemanden überraschen. Savisaar gilt als begnadeter Populist, den seine Anhänger als Macher verehren und seine Gegner als Ränkeschmied hassen. Halb bewundernd, halb abschätzig nennt man ihn „Rhino“, nicht nur wegen seines bulligen Körperbaus, sondern auch wegen seiner brutalen Durchsetzungskraft und des hitzigen Temperaments. Keiner spaltet die Esten so wie er, unter der russischsprachigen Minderheit hat er hingegen die höchsten Vertrauenswerte aller estnischen Politiker.

Dabei war er es, der vor mehr als 20 Jahren dem Bruch der Baltenrepublik mit der Sowjetunion vorstand. Savisaar, zuvor Planwirtschaftler in sowjetischen Machtstrukturen, war einer der Gründer der Volksfront für die Unabhängigkeit und Regierungschef in der Stunde der Freiheit. Er war der Ideengeber für die Menschenkette von Tallinn bis Vilnius, die die Welt auf den Kampf der Balten aufmerksam machte.

Doch viele Mitstreiter misstrauten Savisaar schon damals wegen seiner guten Kontakte nach Moskau, und die gleiche Skepsis begleitet jetzt die Kooperation des 60-Jährigen mit Putins „Vereintem Russland“.

Skandal um belauschte Telefonate

Savisaar war Innenminister, bis ihn ein Skandal über abgelauschte Telefonate politischer Gegner zum Rückzug zwang. Er werde die Politik verlassen, sagte er damals, aber bald war er zurück. Als Bürgermeister in Tallinn bekommt er Sympathiewerte, von denen andere Politiker nur träumen können, obwohl er im letzten Wahlkampf mit Spendengeldern aus Russland ertappt wurde.

Sie seien „für den Bau einer Kirche“ bestimmt, rechtfertigte er sich, und obwohl er innerparteiliche Kritiker ohne zu fackeln aus seiner autoritär geführten Zentrumspartei kickt.

Für die kommende Lokalwahl soll nun der freie Nahverkehr sein Schlager werden. Dass der Triumph bei der Volksbefragung angesichts einer Wahlbeteiligung von nur 20 Prozent nicht so berauschend ist, ignoriert er. Das Mandat reiche, um den Plan umzusetzen und die Stadt vom Autoverkehr zu entlasten.

Wo er in der leeren Stadtkassa die nötigen 20 Millionen Euro finden will, verrät er nicht. Doch ab 1.Januar 2013 sollen die Einwohner Tallinns ihre Busse, Trolleys und Straßenbahnen gratis nutzen können. Zugereiste nicht: Touristen und andere Gäste müssen weiterhin pro Fahrt 1,60 Euro berappen.

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