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Erzbischof Jorge Urosa Savino im FR-Interview „Chávez redet nicht mit uns“

Der Erzbischof von Caracas warnt, dass Venezuelas Präsident Hugo Chávez ein totalitäres, sozialistisch-marxistisches System errichten will und die Verfassung seines Landes missachtet.

12.04.2011 09:07
Kardinal Jorge Urosa legt sich mit dem Präsidenten von Venezuela an. Foto: Boeckheler

Der Erzbischof von Caracas warnt, dass Venezuelas Präsident Hugo Chávez ein totalitäres, sozialistisch-marxistisches System errichten will und die Verfassung seines Landes missachtet.

Herr Kardinal, die katholische Kirche in Venezuela kritisiert das Regime Chávez ungewöhnlich deutlich. Warum?

Präsident Chávez verfolgt das Ziel, in Venezuela ein totalitäres, sozialistisch-marxistisches System zu errichten. Eine geplante Verfassungsreform wurde zwar per Referendum abgelehnt. Trotzdem hat Chávez das Referendum anschließend mit einer Fülle von Einzelgesetzen unterlaufen. Dagegen erheben wir unsere Stimme, und damit haben wir Chávez stark verärgert.

Der Amtskirche Lateinamerikas wird eine Nähe zu konservativ-rechtsgerichteten Regierungen nachgesagt. Muss es da verwundern, dass Sie mit dem linken Chávez Probleme haben?

Der Eindruck ist falsch. Wir haben auch die Vorgänger der Regierung Chávez kritisiert. Nach Chávez’ Wahlsieg 2006 haben wir Bischöfe ihn aufgefordert, uns seine nebulöse Formel vom „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ einmal genauer zu erklären. Als einzige Antwort hat er uns marxistische Literatur zukommen lassen.

Wie reagiert Chávez auf Ihre Kritik?

Es gibt keinerlei Dialog, was wir sehr bedauern. Stattdessen reagiert der Präsident mit persönlichen Angriffen und Beleidigungen.

Auch auf Sie persönlich?

(lacht) Ich unterscheide da zwei Phasen. Als ich 2005 nach Caracas kam, war das Verhältnis von gegenseitigem Respekt geprägt. Wir kamen in einen recht guten Dialog. Aber das endete abrupt im Jahr 2007, als sich einige Bischöfe – darunter auch ich – kritisch zur geplanten Verfassungsreform äußerten. Heute könnte es Situationen geben, in denen es mir besserginge, wenn ich schwiege. Aber der Kurs der Regierung lässt uns keine andere Möglichkeit, als laut und deutlich sagen: Das Land ist auf dem falschen Weg.

Was wäre der richtige Weg?

Ganz einfach, auch wenn es kompliziert ist: Wir wollen, dass die Regierung die Verfassung achtet. In unserer Verfassung aus dem Jahr 1999 steht alles, was geschehen sollte, angefangen beim Schutz der Menschenrechte. Aber diese Regierung kümmert sich nicht darum.

Chávez ist mit dem Ziel angetreten, die Armut zu bekämpfen – die Kirche Lateinamerikas propagiert seit langem eine „Option für die Armen“. Warum können Sie sich hier nicht treffen?

Weil der Präsident nicht die strukturellen Ursachen der Armut bekämpft, sondern auf oberflächlichen Populismus setzt – wie andere Regime Lateinamerikas auch. Selbst wenn die Regierung unglaublich viel Geld hat verteilen lassen, ist die Lage des Landes insgesamt nicht besser als vor zwölf Jahren. Im Gegenteil: In ganz Lateinamerika haben 2010 nur Haiti und Venezuela eine wirtschaftliche Verschlechterung hinnehmen müssen. Also: Auch wirtschaftspolitisch wurden unter Chávez die Weichen falsch gestellt.

Caracas gilt als die Stadt mit der höchsten Rate an Gewaltverbrechen überhaupt. Wie reagieren Sie als Ortsbischof darauf?

Die Schwerstkriminalität ist in der Tat eines der größten Probleme – übrigens auch nach Ansicht der Venezolaner selbst. Ich lasse in meinen Predigten kaum eine Gelegenheit aus, auf die unglaubliche Kriminalität hinzuweisen. Ich will nicht von einem Zustand permanenten Terrors sprechen, aber unsere Bevölkerung lebt in Unsicherheit und Angst.

Was sind die Ursachen dieser Welle von Gewalt?

Viele! An erster Stelle fehlende oder gestörte familiäre Strukturen. Sehr viele Jugendliche bei uns wachsen ohne familiären Rückhalt auf. Dadurch fehlen ihnen grundlegende Werte, aber auch die Identifikation mit der Gesellschaft. Sie sind überdies schlecht ausgebildet und haben dadurch kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ein weiterer Grund sind Konsumorientierung und Materialismus. Von beidem ist unsere Gesellschaft stark geprägt. Das verstärkt die Unzufriedenheit all derjenigen, die keinen Zugang zu Luxusgütern haben. Umso leichter ist der Zugang zu Waffen. Die Regierung tut nichts dagegen, die Polizei ist schwach. Als letzten, aber zentralen Punkt nenne ich dann noch den Drogenmissbrauch und den Drogenhandel.

Gäbe es da nicht die Möglichkeit einer Kooperation?

Von uns aus ja. Wir haben zum Beispiel in unseren Gemeinden eine Kampagne für die Achtung des Lebens und gegen Gewalt gestartet. Aber die Regierung will gar keine Kooperation. Sie lässt keine anderen zivilgesellschaftlichen Akteure zu, sondern beansprucht das Monopol auf alle Sphären der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.

Versagt die Regierung im Kampf gegen die Gewaltkriminalität?

Ich will es positiver formulieren: Das Bemühen war bislang nicht von Erfolg gekrönt.

Die diplomatische Formulierung für Versagen.

Ja. (lacht)

Steht das Volk noch hinter Chávez?

Ohne Zweifel genießt er nach wie vor den Rückhalt weiter Teile der Bevölkerung. Das verleitet ihn zu einer Politik, die keinerlei Rücksicht auf Gegenmeinungen nimmt. Ich wünsche mir aber eine Führung, die das Gespräch sucht, die zuhört und die insgesamt bescheidener, demütiger auftritt.

Interview: Joachim Frank, Astrid Hölscher, Andreas Schwarzkopf

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